#64 So ein Mist

2015 hat der durchschnittliche Österreicher etwa 100 Kilogramm mehr Müll produziert als der durchschnittliche Europäer, nämlich 587kg statt 481kg. Und das ist nur der privat produzierte Müll. Aber damit sind bzw. waren wir bei weitem nicht Spitzenreiter – die Dänen hatten 747kg pro Kopf. Das macht über zwei Kilo Mist pro Tag! Woher kommt das alles? Ich würde mir gerne mal ansehen, was da so alles drinnen ist. Meinen eigenen Müll kenne ich ja, und der kann sicher auch reduziert werden – aber zwei Kilo pro Tag? Hallali.

Am anderen Ende der Liste liegt Rumänien mit 272kg pro Mensch und Jahr. Dafür haben die Österreicher und Innen beim Kompostieren die Nase vorne, über der Hälfte des anfallenden Mists landet in der Biotonne oder auf dem Komposthaufen. Noch besser aber ist eine Kombination aus beidem, Müll vermeiden und Recyceln bzw. Kompostieren. So macht man es z.B. in Capannori. Capannori liegt in der Toskana. Wie einige andere Städte in Italien und Spanien hat man dort befunden, dass es einfach zu viel Müll gibt und seit 2004 versucht man dem entgegenzuwirken. Die ganze Stadt engagiert sich, um bis 2020 das Ziel zu erreichen, keinen Restmüll mehr zu produzieren. GAR KEINEN mehr. Und sie sind auf gutem Weg dorthin. Dazu gibt eine interessante Arte-Dokumentation („Zero Waste – Ein Leben ohne Müll“, man findet sie auch auf Youtube).

Aber nicht nur einzelne Gemeinden engagieren sich, auch die EU kümmert sich um den Abfall ihrer Mitgliedsstaaten, was mir bis jetzt weder bewusst noch bekannt war: Ende letzten Jahres wurde eine Neuregelung für den Hausmüll beschlossen, ob das vom Rat schon abgesegnet wurde, habe ich leider nicht herausgefunden, in der letzten von mir gefundenen Meldung dazu vom April 2018 war es noch offen. Ziel der Neuregelung wäre es, dass bis 2025 EU-weit mindestens 55% des Hausmülls recycelt wird (d.h. aber auch, dass er irgendwie recycelbar sein muss…), bis 2030 sollen es mindestens 65% sein und fünf Jahre später (lauter vorauseilende 5-Jahres-Pläne) sollen nur noch maximal 10% des Hausmülls auf der Deponie landen. In der neuen Regelung zählt „Verbrennen“ auch nicht mehr zu „Recyceln“ (ha!) und die Tonnen an Lebensmittel, die im Müll landen, sollen wesentlich reduziert werden. Finde ich gut. Hin zum Klimaschutz, Jobs werden dadurch offensichtlich ebenfalls geschaffen – nur wie kommt das Bestreben auch in der Bevölkerung an? Zumindest an mir ist dieser Beschluss bisher (bis ich jetzt ein wenig recherchiert habe) ziemlich vorbeigegangen. Ich sehe hauptsächlich Mülltonnen, auf deren Deckeln leere Pizzaschachteln und daneben leere Bierdosen liegen, weil jemand zu faul war, den Deckel zu heben (dass die Schachteln meistens auch auf und die Dosen neben der falschen Tonne liegen übergehen wir mal kurz).

Solcher herumliegender Mist macht denn auch Aktionen wie die der MA48 notwendig: Anfang Mai diesen Jahres nahmen 17.000 Menschen an der Aktion „Wien räumt auf – mach mit“ teil – und sammelten Wien-weit unglaubliche 29.000 kg herumliegenden Müll auf. Was für eine Zahl.

Die MA48, die Wiener Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, ist ohnehin meine Lieblingsmagistratsabteilung. Eine gute Marketingabteilung ist ihr Geld schon wert! Heute war ich das erste Mal im 48er Tandler – dorthin kommen alle Dinge, die bei der MA48 abgegeben werden und noch zu brauchen sind (und nicht schon von den eigenen MitarbeiterInnen in Sicherheit gebracht wurden): Vor dem Eingang steht eine Badewanne, die an der Seite aufgeschnitten und zur Bank umfunktionierte wurde. Innen – umtönt von der Musik der 90er – warten riesige Plüschtiere, Bilderrahmen samt Bild, alte Singer-Nähmaschinen, Spiele, Geschirr, Platten, CDs, DVDs, Stereoanlagen, Kameras, Gewand, Vasen, Sesseln, Kleinmöbel. Ich kreise und sehe mich um. Es ist um Mittag und erstaunlich viel los. Kinder laufen herum, ein Dreikäsehoch probiert ein riesiges graues Männersakko an und grinst. In der Mitte des großen Raumes befindet sich ein von vier Seiten begehbares Rund, das aus Bücherregalen besteht. Koch- bis Kinderbücher, Reiseführer, Belletristik, Krimis und Fantasy findet man hier – und eine Dame, die neben mir steht und niest. Das Niesen kommt recht regelmäßig. Nach dem dritten wechsle ich unauffällig den Platz und sehe mich bei den Kochbüchern um. Sie niest weiter. Nach dem sechsten Mal bin ich bei den Krimis. Nach dem neunten Mal finde ich, dass ich 1. zu Hause ohnehin genug Bücher habe und 2. jetzt mal meinen Müll wiegen gehen sollte.

 

Was sie beim 48er Tandler noch haben sind ein bisschen creepy beleuchtete Jagdtrophäen:

#63 Österreich im Ausland

Am Wochenende war Comic-Salon in Erlangen. Die vier Tage, die er dauert, waren mir für einen ersten Besuch dort doch ein wenig zu heftig, so habe ich mir im benachbarten Nürnberg ein Hotel gesucht: Zwei Tage Comic-Salon und zwei Tage Sightseeing in Nürnberg, das geht doch. Schon im Zug bin ich begeistert – von den Dialekten. Ein Mann tritt seinen Koffer liebevoll mehr durch den Gang, als dass er ihn schiebt und meint kopfschüttelnd zu seiner Gattin: „Schatz, bei mir rolllt dat nüscht.“ Ja, ‚rolllt‘ mit drei ‚l‘. Mindestens. Wunderbar.

Im Hotel an der Rezeption wird immer „Guten Tag“ gesagt, nie „Grüß Gott“, wie ich das so mache, ohne es recht ernst zu meinen (ich habe nicht vor, irgendjemanden vorzeitig zu seinem Schöpfer schicken, nur damit ihn der kurz grüßen kann) und danach frage ich mich, ob ich nicht auch lieber „Guten Tag“ sagen sollte. Aber ich vergesse jedes Mal. Am nächsten Tag beim Frühstück sind die meisten – wie ich – entweder alleine oder wortkarg. Ein Ehepaar sieht in die Zeitung, aber einander nicht ins Gesicht. Schade. Wo ich doch so gerne mithören würde. Der Inhalt ist mir egal, hauptsache Hessisch, Schwäbisch, Bayrisch, Platt. Und da, am dritten Tag in der Früh reden endlich zwei miteinander. Sie sind offensichtlich – wie die Hälfte der Gäste in dem kleinen Hotel – nicht zum Comic-Salon sondern wegen „Rock im Park“ hier und blicken mit sehr kleinen Augen aufs Buffet. Die Stimmen klingen nach rostigem Alteisen, aber ich kann sie gut verstehen. Tja. Es sind Salzburger.

Am Comic-Salon lerne ich ein paar nette Leute kennen und werde von diesen ab dem Zeitpunkt anderen nur mehr als „die Wienerin“ vorgestellt. Endlich habe man eine kennengelernt! Ich versuche zu betonen, dass ich ja eigentlich aus Oberösterreich komme, aber das wird als zu kompliziert und wenig griffig abgewunken. Einer meint zu Wien: „Ja, da war ich schon mal. Sind da immer alle so unfreundlich?“ Ich nicke abwägend und erzähle, dass der österreichische Tourismusverband den österreichischen Charme der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe vorgeschlagen hat. Sie lachen. Und ich? Ich lächle charmant.

#62 Fitness

Glaubt man den Studien der Statistik Austria, so üben ziemlich genau 50% der zwischen 18 und 60-Jährigen ÖsterreicherInnen mindestens 150 Minuten mäßigen Sport pro Woche aus. Etwa 32% macht an mindestens zwei Tagen der Woche Muskelaufbau, und ca. 24% machen beides. Letzteres entspricht der Empfehlung der WHO. Eine Studie der UNIQUA gibt an, dass fast 18% der ÖsterreicherInnen überhaupt keinen Sport treiben und dass der Osten wesentlich träger ist (Sport an durchschnittlich 2 Tagen der Woche) als der Westen (Sport an 3-4 Tagen pro Woche). Tja. Das sind halt die fehlenden Berge hier in der Gegend. Oder die fehlenden Rolltreppen in den Bergen, weil Stiegen gäbe es ja auch auch im Osten genug.

Aber was genau sind denn die Richtlinien der WHO? Die WHO legt 18 bis 64-Jährigen (wieso rechnet man in Österreich nur mit bis zu 60-Jährigen? Will man die Pension möglichst kurz halten?) mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche ans Herz, die auf einer Skala von 0 (tot) bis 10 (Marathon) bei ca. 5 oder 6 einzuordnen sind (das muss nicht Sport sein, das kann auch schnelles Gehen oder anstrengendere Haushaltstätigkeiten sein). Will man Zeit sparen, kann man stattdessen das ganze auch in mindestens 75 Minuten pro Woche machen, das gilt aber nur bei höherer Belastung (auf der Skala wäre das eine 7 oder 8). Eine Bewegungseinheit sollte außerdem mindestens 10 Minuten dauern und zusätzlich sollte man an mindesten zwei Tagen der Woche Muskelaufbau betreiben.

Soweit so gesund.

Da ich diesen Winter über von einer Erkältung zur nächsten gestolpert bin, war mit Sport nicht viel los. Seit dem Frühling versuche ich die verlorene Ausdauer und Kraft wieder aufzubauen. Was dazu geführt hat, dass ich mich beim Fitnesscenter in der Nähe angemeldet habe, im FitInn. Das FitInn ist eine Kette, die mittlerweile in fast jedem österreichischen Bundesland vertreten ist (lustigerweise nicht in Vorarlberg und Tirol – aber die haben ja wie gesagt ihre Berge) und auf deren Bildschirmen, die im ganzen Sportbereich verteilt sind, RedBull-TV läuft. D.h. Leute fallen auf irrwitzigen Strecken von ihren Bikes / Surfbrettern / Skiern / Skateboards. Manchmal bleiben sie auch drauf, dann geben sie sich nachher ein High Five und lächeln mit makellos weißen Zähnen in die Kamera. Ich war schon einmal zwei oder drei Jahre lang beim FitInn Mitglied und habe den strahlend weißen Lächeln von RedBull-TV zugeschaut. Dann dachte ich wozu für etwas zahlen, wenn ich genauso gut zu Hause und draußen Sport machen kann.

Eineinhalb Jahre später bin ich jetzt wieder Mitglied, es hat sich herausgestellt, dass die Motivation zu Hause etwas zu tun nicht umwerfend groß ist. Vielleicht fehlt auch einfach das strahlend weiße Lächeln. Neben anderen Sport zu machen spornt auch etwas mehr an als zu Hause alleine im stillen Kämmerlein. Man kann ihre Muskeln aufpumpende Männer beobachten und über ihre Ernährungsgewohnheiten sinnieren (Eiweißpulver mit Proteinshake? Oder doch Eiweißpulver mit Eiweißpulver?), man fühlt mit anderen mit, wenn sie – wie man selbst – schnaufend auf dem Rad strampeln oder man denkt über die neuestens Trends der Trainingskleidung und Schuhmode nach, während man auf dem Stepper schnauft. Vorletzte Woche bin ich mit gutem Beispiel voran gegangen und habe den anderen etwas zum Spekulieren gegeben: Ich war beim Zusammenpacken etwas in Eile und habe meine Sporthose vergessen. Im Umkleideraum war ich genervt. Nach Hause gehen und holen ging sich nicht mehr aus, Sport hatte ich zwischen zwei Termine eingeschoben. Also in Unterhose trainieren? Sicher nicht. Da blieb mir nichts anderes übrig, ich bin in Jeans aufs Rad gestiegen und habe nach links und rechts gelächelt (nicht ganz so makellos weiß). Nach 25 Minuten war ich ziemlich verschwitzt, die Jeans klebten an mir und ich bin mir sehr sicher: Ich werde nie wieder die Trainingshose zu Hause vergessen.

Den Link zur WHO-Empfehlung gibt es hier.

Aus passendem Anlass, weil gerade heute gesehen und skizziert, eine Statue, deren Vorbild sicher mehr als zweimal am Tag dem Muskelaufbau gefrönt hat (links der erste Versuch, rechts der zweite):

#61 Regen

Wien gehört zu den regenärmeren Teilen Österreichs. Kann man im Bregenzerwald um die 2300 mm Niederschlag im Jahr verzeichnen, kommt man in der Hauptstadt gerade mal auf magere 600. Also im langjährigen Durchschnitt. Ganz praktisch zu wissen, muss man sagen. Denn dann kann man und frau sich ausrechnen, wieviel es dieses Jahr bereits geregnet hat und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es regnet, wenn man mal – ganz mutig – ohne Schirm aus dem Haus gehen möchte. Im Jänner haben sich 45,8 mm, im Februar 26,2 mm und im März 50,4 mm Regen niedergeschlagen. Das klingt ziemlich brutal. Nach einer richtigen Bande. Vielleicht ist die Hohe Warte auch deswegen ein wenig in Verzug mit ihren Berichten. April habe ich noch nicht gefunden, dabei ist es schon Ende Mai.

Aber egal, wie lange es nicht oder wie wenig es auch immer geregnet hat, jedes noch so klitzekleines bisschen Regen führt zu Aussagen wie „Ned schon wieda“, „Kaum geh I amoi aussi“ (beides im Bus gehört) oder „Im Radio habns aber Sonne angsagt“ (beim Billa). Jetzt kann man einerseits sagen, die Menschen regen sich doch immer über das Wetter auf, egal wie sinnlos das Aufregen darüber auch ist, denn das Wetter hat es sich ja doch (um es auf Bayerisch zu sagen) „nu nia ned anders überlegt“, wenn man nicht seiner Meinung war. Andererseits glaube ich, dass Niederschlag ein Imageproblem hat. Ich persönlich mag Regen, aber „Niederschlag“ klingt nach Krankenhausaufenthalt und Jod. Regen ist da etwas neutraler. Vielleicht ein wenig zu neutral. Fast schon farblos. Liegt vielleicht auch daran, dass guter Regen durchsichtig ist. Reigen aber zum Beispiel hört sich doch fröhlicher an als Regen. Regen zieht sich ein bisschen. Besonders wenn man Schuhe anhat, die nicht dicht sind. Dann dauert die Freude über farbloses Nass nur solange, bis einem einfällt, dass man zwar motiviert per pedes, aber mit falscher Ausrüstung unterwegs ist.

Wann wird Regen von Wasser, das in Tropfen vom Himmel fällt (was ja, wenn man es sich überlegt, schon ziemlich cool ist) und die man als kleines Kind mit dem Mund zu fangen versucht, zu etwas wovor man sich in Hauseingänge rettet oder das einen sogar davon abhält, denselben zu verlassen? Vielleicht liegt es an den Gummistiefeln. Ich hatte als Kind welche. Vielleicht wird es Zeit, wieder welche anzuschaffen. Und dann fahre ich in den Bregenzerwald.

 

Passend dazu ein Regen-Lied vom großartigen Bodo Wartke. Ich glaube, ihm könnten ein Paar Gummistiefel auch nicht schaden:

 

Und noch einen Lesetipp: Ray Bradbury: „The long Rain“ (in: The Illustrated Man). Ein Planet, auf dem es so stark und ohne Pause regnet, dass man davon wahnsinnig wird…

 

#60 Videothek

War ich zu Beginn meines Studiums noch davon überzeugt, irgendwann in die Schleifmühlgasse zu kommen und dort die gut sortierte Videothek „Alphaville“ zu besuchen, so habe ich es in den sieben oder acht Jahren, die sich mein Leben in Wien mit der Existenz von „Alphaville“ überschnitten haben, nicht geschafft, einmal hinzugehen. 2010 hat „Alphaville“ (benannt nach einem Sci-Fi-Film von 1965) zugesperrt. Es war nicht die einzige Videothek, die das gemacht hat. In Wien gibt es mittlerweile nicht mal mehr ein Dutzend. Wozu auch, wenn man sich alles bequem von zu Hause aus anschauen kann, über Netflix, Amazon und sonstige Streamingdienste. Da spart man sich auch die Entäuschung, dass der gesuchte Film schon ausgeborgt ist und man sich nach etwas anderem umsehen muss. Schade eigentlich. Gerade diese Momente waren in der Videothek immer die spannendsten. Nach dem „Mäh, zu spät!“ begann die Suche: Was nimmt man stattdessen? Und auf einmal hat man einen Film in der Hand, von dem man noch nie gehört hat. Etwa den norwegischen Film „Kitchen Stories“ (2002): In Schweden ziehen in den 50er Jahren Männer auf Beobachtungssitzen in die Küchen ein, um die Kücheneinrichtung nach den Handgriffen der Hausfrauen zu optimieren. In Norwegen will man ebenfalls optimieren – und schickt die Männer mit den Hochsitzen in Junggesellenwohnungen. Jegliche Kommunikation ist untersagt, um das Verhalten nicht zu beeinflussen. Aber das funktioniert natürlich nicht…

Ich schweife ab. Am Wochenende wollten wir einen Film im Kino ansehen und haben Karten reserviert. Beim Kino angekommen hat sich herausgestellt, dass der Film noch gar nicht läuft und wir Karten für nächste Woche reserviert hatten. Hah. Was nun? Am Land und ohne Internet hat sich die Frage, was gerade auf Netflix läuft, nicht wirklich gestellt. Wir sind also zur nächsten Tankstelle gefahren, in der Hoffnung auf die eine oder andere DVD (bei der Post liegen ja auch immer welche herum). Aber es gab keine.

Da erinnerten wir uns an die Videothek in Krems. „Gibt es die überhaupt noch?“ Tatsächlich, die gibt es noch. Ich war geschätzte 12 Jahre lang in keiner Videothek mehr, aber es hat sich nichts geändert. Ich war auch noch nie vorher in genau dieser Videothek, aber sehen nicht alle ziemlich gleich aus? Teppichboden, lange Regale an den Wänden mit DVDs und BlueRays, vierkantige Pyramiden-Steher mit den aktuelleren Filmen in der Mitte, vor jeder Hülle ein Metallhäckchen mit unterschiedlich farbigen (weil andere Preiskategorie) Plättchen mit Nummern. Alles ein bisschen klebrig, alles riecht ein bisschen komisch.

Wir wollen zwei Filme mitnehmen, die schielende Frau am Schalter nimmt sie entgegen. Und jetzt muss sich mein Mitmensch einen Videotheksausweis machen lassen und sich eine vierstellige Nummer ausdenken. Ja, einen Videotheksausweis. Im Jahre 2018. Großartig.

Im Bewusstsein, etwas für den Erhalt einer aussterbenden Art getan zu haben, treten wir mit zwei DVDs in der Hand beflügelt den Heimweg an.

 

#59 Feiertage

Es sind viel zu viele Autos auf der Straße, die eine Hälfte fährt Spazieren (d.h. man könnte sie spazierend überholen) und die andere Hälfte kriegt ob ersterer die Krise und fährt 150, um nur ja alle Spazierfahrer auf einmal zu überholen. Latente und weniger latente Aggressionen liegen in der Luft, aber da kommt schon die Ausfahrt. Durchatmen.

Da sich die Feiertage im Mai wie die Quellwolken am blauen Himmel häufen, wird man wieder nachhaltig an gewisse Massenphänomene erinnert, die man kennt, aber offensichtlich über den Winter erfolgreich verdrängt hat: Ich behaupte, dass ein guter Teil der ÖsterreicherInnen diese Feiertage entweder auf besagten Straßen (Ausflug), im Garten (Grillen) oder vor dem Fernseher verbringt. Oder bei der Erstkommunion, wie das Patenkind unserer Nachbarin. Die Doppelstocktorte, die sie für den hohen Anlass im Auto transportiert hat, hat die letzte Kurve leider nicht überlebt. Das Erstkommunionkind weiß aber noch nichts davon.

Ich stelle mir den Hund der Nachbarin vor, wenn er den Schlagobers entdeckt, als ich merke, dass ich sehr gut ins Massenphänomen passe und leider keine Ausnahme meiner Feiertagsregel bin: Zuerst waren wir auf der Straße, und jetzt sind wir im Garten. Grillen würden wir gerne, aber mangels Grill begnügen wir uns mit Pasta. So weit ist es also gekommen mit uns. Wir machen, was alle machen. Es schüttelt mich ein bisschen. Aber, nochmal Glück gehabt: Es gibt hier keinen Fernseher! Wir können den Tag noch mit Unkrautjäten und Wolkenzählen retten!

Da regt sich plötzlich der Mitmensch und meldet sich aus den Tiefen eines Liegestuhls, in dem er die letzte halbe Stunde dösend verbracht hat: Ob wir heute Abend nicht ins Kino gehen wollen, das wäre doch nett?

Ich frage: „Ja, wieso nicht. Was spielen sie denn?“

Hoppala, Block vergessen! Da muss dann das Skizzenbuch herhalten 🙂