#79 Mittelalterfest Eggenburg Teil 2

Sonntag in Eggenburg am Mittelalterfest. Ich gehe zum Frühstück der Mitwirkenden und sehe, dass ich damit um 9 Uhr etwas spät dran bin – sie räumen gerade zusammen. Ah! Niemand hat mir gesagt, wann es Frühstück gibt (ich habe auch nicht gefragt, muss ich sagen), und ich dachte, da Einzug und Markteröffnung um 10 bzw. 10:30 seien, komme ich lieber nicht zu früh, immerhin war die Nacht lang. Netterweise bekomme ich noch Tee und ein Kipferl, und als der Tee endlich Trinktemperatur hat, wischt eine Frau rund um mich schon mal den Tisch ab. Schon gut, schon gut, ich geh‘ ja schon! Bis zum Einzug ist noch Zeit, also sehe ich mir die Buden und Stände an. Es gibt Schmuck, Räucherwerk, Holzbretter für die Jause, Lebkuchen, Schwerter und geschmiedete Gürtelschnallen, Dolche, Leder, Stoffe, noch mehr Schmuck, Seife, dazwischen immer wieder Essensstände mit deftiger Kost, Keramik, noch mehr Schmuck. Ein kleines Mädchen versucht seine Oma zu diversen Ketten und Ringen zu ziehen, aber Oma sagt: „Du bist eh schon geschmückt genug!“ Das Mädchen ist nicht überzeugt, aber Oma bleibt standhaft. Die Menschen beginnen sich am Straßenrand aufzustellen und ich folge dem Herdentrieb. Es dauert nicht lange, dann ziehen die Musik- und Gauklergruppen ein, allerlei mit prächtigen Gewändern ausgestattete Leute, das Kirchenvolk, Ritter und ihre Damen, Turnier- und Kampfgruppierungen, Stelzengeher, und natürlich der Bürgermeister für zwei Tage, der die Eröffnungsrede für den Sonntag hält. Das Wort bekommt er vom Bürgermeister überreicht, der die restlichen 363 Tage in Eggenburg das Sagen hat. „Jubel!“

Danach laufe ich weiter zwischen den Ständen hindurch und kaufe zwei eiserne Essspieße und ein kleines, geschmiedetes Messer. Der Verkäufer rechnet: „18 und 12… 42!“ Ich schaue ihn an. „Nein.“ – „Was? Ah ja! 30! Achso, ich habe die Spieße zweimal gerechnet! Aber versuchen kann man es ja,“ lacht er. Ich grinse, , das waren wohl ein paar mehr Bier am Abend. An einem anderen Stand erzählt der Standler, dass er Pecher ist, d.h. aus der Schwarzföhre Pech gewinnt und dann weiterverarbeitet – zu Pechbalsam, der gegen rissige und spröde Haut hilft, zu Seife und Badezusätzen, zu Anzündhilfen und Baumwundbalsam, und noch anderes mehr. Nachdem der Beruf durch den Aufschwung der chemischen Industrie fast ausgestorben ist, ist es manchmal schwierig, sagt er, noch alte Rezepte zu finden und dass sicher viel Wissen auf dem Gebiet verloren gegangen sei. Aber so gut es geht möchte er das, was er weiß, weitergeben, und, sagt er, er hat Glück: Sein Sohn ist letzte Woche in den Betrieb eingestiegen und hilft ihm jetzt.

Ich werfe einen Blick ins Programm. Eine Bauchtänzerinnengruppe, die „Wüstenrosen“ treten am Grätzel auf, die Damen haben eine unglaublich tolle Ausstrahlung und eine wirklich gute Körperbeherrschung. Handgeklapper! (Arr, dieses Wort! Furtchbar!) Nach den Wüstenrosen gibt es eine kurze Pause, in der ein älterer Herr zu mir kommt. Er zeigt auf den Brunnen hinter mir, bei dem das Stadtgericht stattfindet und erzählt, dass es am Vortag einen kleinen Unfall mit dem Stadtgericht gab. Über eine Hebelstange wird ein Käfig mit einem Angeklagten in den Brunnen getaucht – nur leider landete der Angeklagte schneller und vollständiger im Wasser, als ihm lieb war. Der Haken, der den Käfig hielt, ist abgebrochen und der Käfig samt Mensch ins Wasser gefallen und untergegangen. Aber Mensch wurde sofort gerettet (es waren ja genügend Leute da) und bei 27 Grad und Sonnenschein ist er sicher auch schnell wieder trocken geworden. „Weils den Haken falsch montiert haben, ist er abgebrochen“, sagt der alte Mann und verabschiedet sich. Wie nett, dass einem die Geschichten hier einfach so zugetragen werden.

Nach einem wunschönen Marionettenstück mit zwei Holzmarionetten (einem Skelett und einem Drachen) und ein paar Liedern der Schandgesellen mache ich mich auf den Weg, das Rathaus zu suchen, um 14 Uhr beginnt der Science Slam. U.a. zeigt Martin Schreiber von der MedUni Wien innerhalb von sechs Minuten wie wichtig die Urinprobe in der mittelalterlichen Medizin war – so spektakulär, dass er den Science Slam auch gewinnt. Danach gibt es noch ein kleines Bier und das Mittelalterwochenende in Eggenburg ist vorbei. Zurück zur Arbeit. Schade. Aber hier kann man sich versichern, dass es eigentlich jedes Wochenende irgendwo ein Mittelalterfest gibt – also nicht traurig sein. Und Eggenburg ist ja nächstes Jahr auch wieder.