#78 Mittelalterfest Eggenburg Teil 1

Der Zug, der uns um halb 12 von Wien nach Eggenburg bringt, ist voll und man sieht bereits einige Gewandete. Nicht falsch verstehen: Alle Zugpassagiere haben etwas an, nur manche sind bereits im mittelalterlichen Outfit unterwegs. Kein Wunder, denn in Eggenburg findet an diesem sonnigen Septemberwochenende ein Mittelalterfest statt – und zwar das größte Österreichs. Etwa 30.000 Gäste besuchen das Fest jährlich, und da Eggenburg normal nur etwa 3500 Einwohner hat, ist das schon eine ziemlich ordentliche Besucherzahl. So ist dann auch ein guter Teil der Bewohner aktiv dabei oder verdient etwas daran: Die Buchhändler, die Lokale, das Café, der Bastelladen und weitere Geschäfte haben das ganze Wochenende geöffnet, ihre Lokalflächen durch Tische und Bierbänke nach außen hin erweitert und die Mitarbeiter wurden ebenfalls in mittelalterlich aussehende Gewänder gesteckt. Jemand erzählt mir, dass an diesem Wochenende ungefähr so viel eingenommen wird wie sonst in zwei Monaten.

Das Programm ist dicht: Zweimal täglich findet auf der Kanzlerwiese ein Turnier statt, bei dem vier Ritter zuerst in Exerzitien gegeneinander antreten (d.h. mit dem Schwert Äpfel von einem Pfosten herunterschlagen, einen Sack aufspießen, etc.), um sich am Ende in der Tjost, dem berittenen Lanzenkampf, zu messen. Kommentiert wird das alles von einem Mann mit schulterlangen, glatten blonden Haaren, den ich mir auch gut als Animateur in einem Ferienclub vorstellen könnte. Auch wenn das Publikum gegen ihn war, gewinnt am Ende der Habsburger und wird als neuer Herrscher ausgerufen. Zumindest bis zum nächsten Turnier. Dann dürfen die Kinder nach vorne an die Absperrung gehen, die vier Ritter gehen mit ihren Pferde eine Runde und klatschen (naja, „streifen“ trifft es wohl eher) die ihnen entgegengestreckten Hände ab und lassen die Kinder die Pferde genau in Augenschein nehmen. Sehr nett. Und nicht nur Kinder stehen da, auch eine ältere Dame, die sich sehr freut, dass die Ritter auch ihre Hand nicht übersehen. Die Gruppe Dreynschlag, eine Schwertkampftruppe, tritt ebenfalls auf der Kanzlerwiese auf, aber die habe ich versäumt. Es gibt viel zu viel zum Ansehen! Die Bogenschießplätze zum Beispiel, das Beil-Werfen oder die Lagerplätze und Zelte, wo Ritter und Damen auf Strohballen sitzen und Bier trinken, Musikgruppen und Tanzvorführungen. Wohin als nächstes?

Um 17 Uhr höre ich mir einen Vortrag an: „Wer wohnt am Rande der Welt?“ Es geht u.a. darum, dass man auch im Mittelalter schon wusste, dass die Erde eine Kugel war, nur Abbildungen auf ebenen Flächen wie Pergament und Papier eben immer – auch heute noch – flach sind. Danach gibt es noch einige Fragen und Anmerkungen, u.a. von einem Mann, der zwei weiße Hunde (die wie Eisbären aussehen) mithat. Er meint, dass es ja noch immer keine Beweise für die Erdkrümmung gäbe. Öm. Die Vortragende meint später, man denke sich ja immer, das sind nur Leute in den USA, die solche Meinungen vertreten. Aber nein. Es gibt sie auch am Mittelalterfest in Eggenburg.

Langsam bekomme ich Hunger. Ich entscheide mich für Kässpätzle und stelle mich an. Das geht ruck-zuck, und ich spekuliere, ob die bairischen Köche da hinter der Theke wohl Oktoberfesterfahrung haben? Im Nu bin ich dran, mein Geld los und während ich noch nicht mal meine Portion in die Hand genommen habe, wird der nächste schon bedient.

Ich wandere auf dem Markt herum, es wird kühler. An den Ständen bekommt man Bier, mir ist aber im Moment mehr nach Tee. Ich suche ein Café und frage eine Frau, die eben aus der Küche gekommen ist, ob denn drinnen denn auch Betrieb sei? Die Frau sieht mich groß an. Und sagt nichts. Leicht irritiert wende ich mich an eine Bedieung. Ja, natürlich. Alle sehen ein bisschen gehetzt aus. Ich bestelle Tee und zwei Mini-Kokoskuppeln. Ich bekomme Tee und eine große Kokoskuppel. Naja. Fast. Ein gewandetes Paar kommt direkt zu der kleinen Ecke, wo die Getränke zubereitet werden. Ob sie zwei Bier haben können? Die Bedienung murmelt etwas, offensichtlich eine etwas genervte Zustimmung. Das dürfte nicht der Ort sein, an dem Bestellungen aufgenommen werden, aber sie macht es. Zuerst macht sie aber eine Tasse Kaffee. Die Frau fragt (und ist plötzlich per Du): „Machst du jetzt unser Bier oder nicht?“ – Kellnerin: „Ja, aber ich muss voher noch die Bestellungen machen.“ – Frau: „Nein, ich will dich wirklich nicht stressen.“ Und nachdem die Kellnerin nicht darauf reagiert, sagt sie noch einmal: „Nein, ich wollt dich voll nicht stressen. Ich hab auch mal als Kellnerin gearbeitet.“ – Mann: „Waßt eh, ich bin der Lord und das is mei Prinzessin.“ – Frau: „Na, ich war nämlich auch mal Kellnerin. Und meine Mutter auch. Der geht’s jetzt gesundheitlich soo schlecht deswegen.“ Pause. Die Frau setzt nach: „Na, mach wirklich was anderes, weil da stehst den ganzen Tag.“ (In den Augen der Kellnerin sieht man ein „Nein, wirklich?“) – Mann: „Dafür stehts den ganzen Tag vorm Zapfhahn!“ – Frau: „Na und was hat die Kellnerin davon?“ – Mann: „Na ich hab nur gmeint, das ist doch super!“ Die Kellnerin zieht die zwei Bier vor und bekommt Trinkgeld. Und muss sich auch noch bedanken. Ich glaube, ich weiß, warum die alle hier so genervt dreinschauen…

Gute Nacht, Eggenburg, bis morgen!

 

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