#75 Baumscheiben und Töpfe

Die Wiener Gärten haben eine Karte online, die alle Grünflächen und Bäume (jawoll, ALLE einzelnen Bäume) anzeigt: den Baumkataster. Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen, die Baumart wird angezeigt, seit wann er dort steht, wie große seine Krone und wie hoch er in etwa ist. Verrückt. Wenn man sich von der Karte wieder erholt hat, kann man den Wiener Gärten eine Email schreiben und sie fragen, ob eine bestimmte Baumscheibe (d.h. der Platz unter dem Baum) noch „frei“ ist. „Frei“ meint nicht, dass der Baum weg ist, sondern ob das kleine Stückchen Erde, auf dem er steht, schon von jemandem betreut wird. Wenn sie frei ist und die Wiener Gärten zustimmen, dann kann man auf dieser Baumscheibe einen Mini-Garten anlegen und anpflanzen, was man möchte. Also nichts, was den Baum stören würde (ein zweiter Baum würde glaube ich nicht so gut ankommen bei der Magistratsabteilung 22), aber Blumen oder sogar – für die ganz Mutigen – einige Kräuter und Gemüse können dort gut wachsen.

Ich strebe nicht nach einer Baumscheibe, aber ich merke doch, dass ich gerade zu viele englische Gartensendungen anschaue. Bei Betrachtung der näheren Gründlandschaft (d.h. das Topfpflanzenensemble) juckt es wieder unter den Fingern. Ja. Da ist durchaus noch Platz. Ziemlich viel sogar. Und jetzt, nachdem die letzten Tomaten geerntet, die Tomatenpflanzengerippe entfernt wurden und man sich am Balkon wieder umdrehen kann, sieht er fast leer aus. Schrecklich. Das kann man gar nicht mitansehen. Aber für Pflanzen bräuchte man ja auch irgendetwas, wo man sie hineingeben kann. Also mache ich mich auf den Weg zur ARGE, einer Arbeitsgemeinschaft für Nichtsesshaftenhilfe in Wien, die Räumungen, Übersiedelungen und Wohnungsauflösungen durchführt. Dort gibt es zwar keine Pflanzen, aber von Mittwoch bis Samstag Flohmarkt und ich stöbere durch alte Lampen, Gläser, Spiele, Besteck und anderes Zeug, um passende Pflanzgefäße zu finden.

Das weitere Publikum ist wesentlich älter als ich. Ein Mann versucht seine Lunge heraus zu husten, während ich versuche einen Gang Abstand zu ihm zu halten. Mindestens. Ein anderer hat eine kalte Zigarette im weit nach unten gezogenen Mundwinkel und stochert durch die Altkleider. Einer etwa 50-jährigen Dame mit haselnussbrauner Schneckerlfrisur kommt offensichtlich immer wieder der Tandler in die Quere: „Das hab’ ich doch da gerade hergstellt.“ Sie sieht sich suchend um. Und findet ihre Tasse einen Meter weiter im Regal wieder. „Da ist sie.“ Minuten später: „Wo ist das jetzt wieder? Ich hab’s doch da hergestellt. Sie, ich stell‘ jetzt alles auf den Tisch, ja?“ Der Mann, der da sitzt und auf den laufenden Fernseher schaut, nickt. Der hat hier aber offensichtlich nichts zu sagen, denn als sie gerade wieder im Gang verschwindet, kommt erneut der Tandler, sieht den Abstellplatz für seine Kisten vollgeräumt und stellt die Sachen wieder zur Seite.

Ich stackse durch den vollgestellten Raum. Drei flache, kleine Riess-Reindln und eine dreckige, vielleicht weiße Blechgießkanne, das passt schon mal ganz gut. Dann finde ich noch eine Vase in der Größe und Form eines Astronautenhelmes, die wahrscheinlich grauer aussieht als sie eigentlich ist. Herr Ober, zahlen bitte! Ich zeige meine Fundstücke – sechs insgesamt und nehme mir vor, mich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Der Tandler schaut und sagt: „5 Euro“. Ich schlucke jegliche Widerrede hinunter und gebe ihm 5 Euro. Dafür würde ich in einem normalen Blumenladen wahrscheinlich einen tassengroßen Topf in der Trendfarbe der vorletzten Saison bekommen.

Zu Hause wird geputzt. Die Pflanzen sollen sich ja nichts holen. Der Astronautenhelm wird wieder glasklar, die letzten Essenreste aus den Reindln ertrinken im Spülwasser und die Gießkanne wird fast wieder weiß. Die Reindln brauchen noch Löcher, damit das Wasser abfließen kann und die Gießkanne wird zum Übertopf, ein alter Plastiktopf passt wie angegossen. Fehlen noch die Pflanzen. Ein Efeu, der seinem Topf langsam entwächst, wird in die Gießkanne umziehen. Und für die Reindln? Ich schwankte zwischen Saatgut oder ausgewachsenen Pflanzen und entscheide mich für einen Kompromiss: Im Blumengeschäft um die Ecke gibt es immer wieder kleine Ableger für einen Pappenstiel, und da sie gerade ein paar kleine Farne haben, nehme ich vier mit. Man kann nie genug Farne haben. Und die werden ja größer. Irgendwann. Hoffentlich.

Fazit: Pflanzen und Gefäße müssen nicht teuer sind. Es ist zwar etwas zeitaufwändiger als nur ins Geschäft zu gehen (und – man erinnere sich an den hustenden Mann im Nebengang – manchmal sogar gesundheitsgefährdend!), dafür ist es wesentlich interessanter – man weiß nie, was man findet. Und wenn es ein Astronautenhelm ist.

 

Heute eine Aufwärmskizze (d.h. Stift raus, Augen möglichst nicht aufs Blatt und zeichnen was man sieht) aus den Lagern der ARGE:

Ein Gedanke zu „#75 Baumscheiben und Töpfe

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