#70 Neuberger Kulturtage oder „Iss mich!“

Vor zwei Wochen wurden die Neuberger Kulturtage eröffnet und ein Freund hat uns zum Eröffnungskonzert im Münster Neuberg eingeladen: Guiseppe Verdis „Quattro pezzi sacri“ und Anton Bruckners „Te Deum“ stehen am Programm.

Unsere Unterkunft ist in Mürzsteg, heißt Villa Violetta und gehört irgendwie mit dem Hotel Appelhof zusammen, wo wir stehenbleiben. Ich springe schnell rein, frage nach der Villa und man erklärt mir, wo sie ist. Ich wieder raus und wir fahren etwa zweihundert Meter weiter. Tatsächlich, da steht ein schönes ehemaliges Gasthaus gleichen Namens und wir parken. Am Hang draußen wird Lavendel geerntet, innen gibt es knarrige, von der Zeit dunkel gefärbte Holzdielen, alles schön hergerichtet, und da treffen wir auch schon die ersten Bekannten. Wo denn hier die Rezeption sei, fragen wir sie, das Gepäck schon in der Hand. Hier gäbe es keine, den Schlüssel hätten sie uns beim Appelhof geben sollen. Ah. Ok. Wie haben die nicht…? Naja. Mitmensch geht zurück, um den Schlüssel zu holen. Als er wieder kommt, stellt es sich heraus, dass wir im Zimmer neben unseren Bekannten schlafen. Und dass wir Bad und Klo haben, sie aber nicht. Dafür ist die Türe zwischen unseren Zimmern offen. Der Bekannte begibt sich ebenfalls wieder auf den Weg zum Appelhof. Als er wieder zurück kommt, ist er ein wenig verärgert, die dachten dort, dass wir das ja gemeinsam nutzen könnten. Und es gäbe ja noch eine Toilette am Gang, einen Stock höher. (Zum gleichen Preis, wohlgemerkt. Und die wussten auch nicht, dass wir uns kannten.) Der Bekannte bestand auf ein Zimmer mit Bad und hat Glück, es gibt noch eines. Ein bisschen schräg, die Leute an der Rezeption dort.

Es wird vier und wir fahren ein paar Kilometer weiter nach Neuberg zur Greißlerei von Traude Holzer, einer wahnsinnig netten Frau, die noch dazu singen kann und bekommen dort im Hof vom unglaublich guten Koch Hubert Holzer Eierschwammerlsuppe und Paprikasuppe serviert. Zum Niederknien. Die Eierschwammerlsuppe kenne ich schon vom letzten Jahr und habe schon mal vorsorglich wenig gegessen bis jetzt. Es fängt ein wenig zu regnen an, aber gleich sind wir ohnehin unter Dach: Um fünf Uhr gibt es eine Führung im Münster – wir dürfen den mittelalterlichen Dachstuhl ansehen, der gerade etwas hergerichtet wird. Die Balken sind jetzt um die 600 Jahre alt und – wie die Holznägel – immer noch wie neu. Zur Zeit Kaiser Franz Josefs hat man entlang des Dachs ‚zur Sicherheit‘ quasi noch zusätzliche Balken mit Eisenschrauben befestigt – völlig unnötig, nach Meinung heutiger Zimmerleute. Das einzige, was das gebracht hat, ist dass jetzt dort die Eisenschrauben vor sich hinrosten und das Holz angreifen.

Nach der Dachstuhlführung geht es zurück zu Traude und es gibt Aufschnitt, Aufstrich und sehr gutes Brot. Ich probiere beim Mitmenschen ein Stück unglaublich guten Marillenkuchen. So. Jetzt bin ich satt, und das trifft sich gut, das Konzert fängt gleich an. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zwängt sich an den Sesseln des Orchesters vorne vorbei und sagt: „Keine Angst, ich dirigier‘ nicht!“ Nach einer sehr kurzen Ansprache folgt das Konzert, sehr schön, sehr gewaltig – manchmal etwas zu gewaltig, für meine Ohren sitzen wir ein wenig zu weit vorne.

Danach geht es zurück zu Traude und es gibt – Essen. Der Freund, der uns zum Konzert eingeladen hat, hat nach der Nachmittagsjause auch noch ein kleines Menu organisiert. Hm. Satt ich bin, eigentlich. Es gibt einen Gabelbissen Saibling und Tafelspitzsulz. Als Vorspeise. Ich esse den Saibling und versichte auf die Tafelspitzsulz. Dann wahlweise ein Hirschragout mit Semmelknödel oder einen Forellenstrudel. Hirschragout! Da kann man nicht nein sagen… Die Dame mir gegenüber bestellt eine kleine Portion – clever! Ich schließe mich an. Ich esse, bin froh ob der kleinen Portion, finde es aber gleichzeitig schade, weil es viel zu gut ist. Es folgt das Desert. Huh. Wieder die Wahl: Himbeertiramisu oder Hollersorbet. Hollersorbet – das ist hauptsächlich Wasser, denke ich mir. Dazwischen wird geredet, erzählt und gelacht. Der Appelhof ist ebenfalls Thema, wir sind nicht die Ersten, die mit der Rezeption dort seltsame Erlebnisse hatten.

Nach einem sehr netten Abend geht es zurück zur Villa Violetta – und im Zimmer will ich die Türe zu unserem Nachbarzimmer aufmachen. Mitmensch hält mich davon ab: „Nicht! Draußen vor der Tür hängt ein ‚Bitte nicht stören-Schild‘!“ Öm. Wie jetzt? Aber die Türe zu unserem Zimmer ist doch offen. Die werden doch nicht jemanden anderen da einquartiert haben? Wir sehen uns an. Lauschen an der Türe. Flüstern ab jetzt nur mehr. Knarrt das da drüben nicht? Die Nacht ist spannend. Kommt jetzt jemand zu uns rüber, um auf die Toilette zu gehen? Am nächsten Tag sehen wir durch das münzgroße Schlüsselloch. Alles aufgeräumt. Ich öffne langsam. Das Zimmer ist nicht bezogen.

Auf Wiedersehen (?), Villa Violetta. Wir gehen jetzt erstmal zu Traude, Frühstücken. Endlich wieder was zum Essen!

 

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