#68 Nachbarn

Zwischen uns und dem nächsten Haus liegt ein Hof. Man muss kein Voyeur sein, um seine Nachbarn und Splitter ihres Lebens kennenzulernen. Was sich dort drüben so abspielt bleibt einem, wenn man das Fenster doch hin und wieder mal zum Hinausschauen benutzt, nicht verborgen, auch wenn wir die einzigen hier sind, die keine Rollos oder Vorhänge haben. Da ist zum einen der sehr dicke Mann, den man leicht oder gar nicht bekleidet durch sein Abstellkammerl hüpfen sieht. Da war die ältere Dame, deren Küche zu uns hinausgeht und die dort regelmäßig mit gesenktem Kopf hantiert hat. Die letzten Wochen war sie nicht mehr da, dafür ein Makler mit einem jungen Pärchen, die sich die kleine Terrasse angesehen und diskutiert haben. Wir haben unsererseits gerade am Balkon zu Abend gegessen und schwer überlegt, ob wir ihnen jetzt winken sollen oder nicht. Bevor wir zu einem Schluss gekommen sind, haben sie mit Schmackes die Terrassentüre hinter sich zugeworfen. Ich weiß nicht, ob wir die nochmal sehen. Die Nachbarn im rechten Winkel zu uns sehen wir auch nicht. Aber sie haben oft das Küchenfenster offen, und wenn sie miteinander reden – was sie nicht oft tun – dann hören wir sie. Meistens aber läuft der Fernseher. Und dann gibt es noch die etwas verrückte Frau von schräg gegenüber. Ob sie wirklich verrückt ist, weiß ich nicht, aber sie macht zwei Dinge, die ich nicht verstehe und das reicht mir mal für ein Vorurteil. Die verrückte Nachbarin hat dieses Frühjahr am Balkon einen kleinen Bambusbaldachin aufgestellt und ihn mit einer elektrischen Lampionkette behängt. So weit so nett, sieht hübsch aus und die Lampions machen ein schönes Licht. Zusätzlich hat sie aber das Balkongeländer mit einer hektisch grün-blau-rot blinkenden Lichterkette verziert, die sie von ihrer Seite sicher nicht sieht, weil da die Pflanzen wachsen. Sowohl Lampions als auch Lichterkette beginnen mit einsetzender Dämmerung zu leuchten, respektive zu blinken. Und das tun sie dann die ganze Nacht. Jeden Tag. Ich habe sie noch NIE am Balkon sitzen sehen. Das ist der erste Punkt den ich nicht verstehe. Der zweite: Wenn ich in der Früh die Tomaten gieße, dann sehe ich manchmal wie sie „gärtnert“. D.h. sie zupft oder schneidet an den Pflanzen herum und wirft die Reste dann auf das Vordach unter ihrem Balkon. Öm. Ok. Will sie, dass sich dort Kompost bildet, um auf dem Humus einen Garten anzulegen? Möchte sie die Vögel damit füttern? Oder einfach nur die Dachrinne verstopfen? Man weiß es nicht. Man muss ja nicht alles verstehen. Aber ein bisschen verrückt ist sie glaube ich schon.

Es würde mich ja schon interessieren, was unsere Nachbarn so von uns und unserer vorhangslosen Wohnung denken. Gestern zum Beispiel haben wir eine Stunde lang händisch die Blättern der Tomaten abgestreift, um der kleinen roten Viecher darauf Herr zu werden. Völlig normal ist das sicher auch nicht.

#67 Frei!

Montag, 2. Juli, Kassa beim Billa. Wenn die Frau vor mir einen Schritt weiter vorgehen würde, könnte ich meine Sachen schon mal auf das Band legen. Ich verwende natürlich keinen Korb und halte alles in Händen, auch wenn mir gegen Ende des Billas in denselben meistens der Platz auszugehen droht. Mit dem Zeigefinger halte ich einen Flaschenhals. Die Flasche fängt zu rutschen an. Die Frau geht immer noch nicht weiter. Sie ist zu beschäftigt damit, ihr Kind zu ignorieren. Das Kind geht mir etwa bis zur Mitte des Oberschenkels, vielleicht erste Klasse Volksschule. Der Bub hat braune Haare, eine blitzblaue Sonnenbrille aus Plastik auf, bunte Shorts, ein grünes T-Shirt und einen Aktionsradius von etwa drei Metern. Er kugelt auf dem Boden, kräht, zieht an der Leinenbluse seiner Mutter, läuft fast in mich rein, ich halte die Flasche fester, er macht eine Pirouette, läuft fast in die Eskimo-Kühltruhe, singt ein Lied, hängt sich mit beiden Händen an seine Mutter und kugelt schon wieder krähend auf dem Boden herum. Und das alles in einer halben Minute. Dazwischen sagt die Mutter öfter mal „Julian!“ und zieht die Luft zwischen den Zähnen ein. Als ich endlich meine Sachen auf dem Band abstellen kann, meine Finger ausschüttle und die Frau beim Zahlen ist, weiß ich plötzlich was los ist. Ich grinse sie an und frage: „Erster Ferientag?“ Sie verdreht die Augen. „Julian!“ Beide gehen.
„Zwei Monate Ferien“, sage ich zur Frau an der Kassa. „Das war schon ziemlich super.“
Sie lacht und meint: „Ja, und sie fangen erst an!“

Naja. Julian wird das schon überstehen.