#50 Willhaben

Ich weiß nicht mehr, was das erste Ding war, das ich auf Willhaben gekauft habe. Es war nicht die Semmelbröselmühle und es war auch nicht die Kleiderhaken aus den 70er Jahren, die ich nie montiert habe. Ich weiß nur noch, ich habe sicher zuerst etwas gekauft, bevor ich irgendwann einmal etwas verkauft habe. Aber egal ob man kauft oder verkauft, es ist immer spannend. Die Konversationen über Email mit Menschen, die man sonst nie im Leben getroffen hätte, wäre da nicht das gegenteilige Interesse an einem bestimmten Gegenstand (einer will ihn – der andere will ihn nicht mehr), reichen von nett bis höchst irritierend. Es kann vorkommen, dass man beschimpft wird, weil man in den Augen eines anderen zu viel für etwas verlangt. Es kann vorkommen, dass man sich alles ausgemacht hat und auf die Abholung wartet und niemand auftaucht – ohne sich zu entschuldigen. Es gibt die Informations-Minimalisten: „noch da?“ – „Ja, xy ist noch zu haben.“ – „wo?“ – Adresse – „morgen 8 passt“ – „Ja, morgen 8 Uhr früh passt.“ Und es gibt die, die gerne Begründungen dafür hätten, wieso man gerade diese rote Vase verkaufen wollen würde, als ob sie nicht glauben könnten, dass man auch nur auf die Idee kommen könnte, sich gerade von DIESER roten Vase zu trennen und sofort misstrauisch werden, wenn man es doch tut. Das sind auch meist diejenigen, die noch einmal genauestens informiert werden wollen über Zustand, Größenangaben in Milimeter, Füllvolumen der Vase und die Farbechtheit des Fotos bezweifeln. Ist die in Wirklichkeit denn wirklich SO rot? Ja? Na, das glauben sie nicht so wirklich. Aber gut. Ah ja, ob man nicht auch mit einem Bruchteil des geforderten Preises einverstanden wäre?

So ist diese Plattform dann auch nicht nur eine schräge Ansammlung von Dingen, die sich gerade an einem Scheideweg ihres Daseins befinden – denn was nicht verkauft wird, landet wohl früher oder später im Müll oder auf der Straße – sondern auch eine Lotterie der flüchtigen Begegnungen. Letztens habe ich mich von einer Kamera, einer kaum benutzten Lomo, getrennt. Ein Mensch kam von über der Donau, um sie zu holen, ein junger Mann mit vielen Tattoos und einem netten Lächeln. Wir haben uns kurz über Kameras unterhalten und dann ist er mit der Lomo seiner Wege gegangen. Zurück über die Donau wahrscheinlich. Ein paar Worte mehr und vielleicht wäre es ein Bekannter geworden, den man irgendwo mal wieder trifft und in dessen Beisein man anderen Leuten die lustige Geschichte erzählt, dass man sich das erste Mal bei einem Willhaben-Verkauf gesehen hat. Aber ich bleibe auf der sicheren Seite. Hier die Kamera, danke für das Geld. Viel Spaß! Weg ist er. Schade eigentlich. Ich hätte mir gerne die Tattoos auf seinem Arm noch angeschaut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.