#42 Feiertage

Ich habe für Weihnachten dieses Jahr nichts zu Essen eingekauft. Musste ich auch nicht, denn meine Verwandtschaft koch und bäckt gut und viel (zu viel). Da bekommt man dann noch das eine oder andere Stück Kuchen und noch eine Dose Kekse mit nach Hause und ist gut versorgt, auch ohne sich am 23. Dezember mit Menschen, deren Schätzvermögen wieviel man in drei Tagen essen kann als mangelhaft einzustufen ist, um die letzte Tomatendose zu schlagen. Sobald zwei oder – Himmel hilf! – drei Feiertage aufeinandertreffen, bricht in den Lebensmittelläden die Panik aus. Die meisten kaufen ein, als wäre dies die letzte Möglichkeit, sich der Zivilisation zu versichern. Zugegeben, ich kenne ihre Familien und die Bräuche dort nicht, vielleicht endet alles mit Schwerverletzten, da ist es schon verständlich, sich so mit Wasser und Lebensmitteln einzudecken, als ob man die nächsten vier Wochen im Bunker verbringen müsste. Ich war auf jeden Fall froh, um diese Erfahrung dieses Jahr herumzukommen. Und nach dem ganzen Essen heim zu kommen und zu sehen, dass der Kühlschrank angenehm leer ist und man jetzt nicht auch noch was essen muss, aus purer Gewohnheit sozusagen, weil gerade Zeit zum Abendessen wäre.

So nett es auch ist, die vielen Menschen zu Weihnachten zu sehen, so sehr freue ich mich auf die Pause danach. Wir verziehen uns und wollen Silvester am Berg feiern. Es ist nicht wirklich ein Berg, mehr eine Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen, aber ich will die Sache ja nicht kompliziert machen. Am Berg also und alleine. Also zu zweit alleine.

Nach dem Abendessen befinde ich dann aber doch, dass Einöde zwar schön und gut ist, aber ein paar Menschen vielleicht doch ganz nett wären. Menschen mit gestreiften Pudelhauben und zu großen Handschuhen und lächeln könnten sie auch, aber kennen muss man sie nicht unbedingt und reden muss man auch nicht mit ihnen. Zweiter Mensch lässt sich eher unwillig breitschlagen und wir fahren von der Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen runter in die kleine Stadt. Die Erwartungshaltung meinerseits liegt ungefähr bei: Im Zentrum, in der Fußgängerzone, werden ein paar Punschstände offen haben, es wird zwei oder drei Stände geben, die Hufeisen und Stoffschweine und Raketen verkaufen (und vor allem Marzipan) und es sind genügend Menschen da, um das ganze nett zu machen, aber nicht zu viele, um lebensbedrohlich zu wirken, wie etwa am Wiener Silvesterpfad. Geknallt wird pünktlich und vorbildlich um Mitternacht. Das Wetter ist klar, die Chancen stehen gut.

Unten angekommen kommen uns aus Richtung Fußgängerzone tatsächlich ein paar Spaziergänger entgegen, wir sind guter Dinge. Da vorne wird wohl etwas los sein. Aber vorne angekommen war dort überhaupt nichts los. Wo sind alle? Denn normalerweise leben und wohnen hier schon Menschen, wir haben uns vorher erkundigt. Wir spähen in Lokale. Im hiesigen Irish-Pub sind ganze drei Stühle besetzt. In der neonrosa und neonblau ausgeleuchteten Szene-Bar zwei. Aber halt, da vorne stehen die Leute schon auf der Straße, da muss wohl der Bär steppen. Tja. Falsch gesehen – die stehen nur beim Fenster eines Straßenlokals und warten auf ihre Bestellung. Nach einer erfolglosen Runde, die uns Rätsel aufgibt, kehren wir auf die Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen zurück. Eine seltsame Nacht. Aber weniger Menschen heißt mehr Sekt für uns und wir sehen uns pünktlich um Mitternacht das Feuerwerk von oben an. Und die Aussicht ist auch besser. Wer braucht schon Marzipan.

Prosit Neujahr!

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