#44 Lainzer Tiergarten

Es ist mein erster Besuch im Lainzer Tiergarten und ich habe mir vorgenommen, mindestens vier Wildschweine zu sehen. Ich habe keine Ahnung ob das viel oder wenig ist oder ob Tageszeit, Wetter und Jahreszeit passen. Es ist kalt, aber trocken und beim schnellen Bergaufgehen wird einem warm und es sind nur wenige andere Menschen unterwegs.

Mitmensch meint, die Wildschweine seien wohl sehr scheu, er glaube nicht, dass wir welche sehen. Drei Minuten später mache ich die erste markante Silhouette zwischen den Bäumen aus – ein Wildschwein! Ich will stehenbleiben, zusehen und winken, was den Mitmenschen auf einmal ziemlich nervös macht. Er zieht mich weiter, ich soll die Wildschweine nicht stören und schon gar nicht will er, dass uns eines der Tiere für so interessant hält, dass es näher kommen möchte um uns besser kennenzulernen. Ich würde meinerseits ja auch das Wildschwein nicht unbedingt näher kennenlernen wollen, aber schauen will ich schon dürfen. Beim Weiterwandern halte ich die Umgebung im Blick, vorne, links, rechts, und auch schräg hinten. Ich habe schon gemerkt, dass es auf den Winkel ankommt, damit man die Wildschweine nicht übersieht. Mitmensch macht sich etwas lustig über mich, aber siehe da – das nächste Wildschwein ist gefunden! Ich schaue wieder und winke, während der Mitmensch derweilen etwas kribbelig auf und ab tänzelt. Ich versuche zu beruhigen, dass hier ja wohl ständig Menschen unterwegs seien und sich die Wildschweine offensichtlich nicht daran stören, sonst wäre entweder Mensch oder Wildschwein schon längst des Waldstücks verwiesen oder hinter Zäunen gelandet. Mitmensch gibt sich nicht überzeugt, ich winke zum Abschied Wildschwein Nummero zwo nochmal und wir gehen weiter. Wenig später: Wildschwein Nummer drei, ich bin begeistert. Mitmensch ist immer weniger begeistert, weil er meint, dass sich die Distanz, in der sich die Schweine befinden, ständig verringern würden. Aber trotz der Nähe (sicher zwanzig Meter) stört sich auch dieses Wildschwein nicht an unserem Dasein und liegt gemütlich mampfend im Gras.

Wildschwein vier lässt auf sich warten und wir keuchen den einen und anderen Hang hinauf und stärken uns im Rohrhaus mit einer Suppe zu Mittag. Sehr nett ist es dort, warm vor allem, und der Service ist fix und freundlich. Spuren in der näheren Umgebung verraten wühlende Wildschweine, und der Kinderspielplatz ist mit einem festen Holzzaun geschützt. Als wir das Rohrhaus nach der Pause wieder verlassen, ist die Sicht schlecht geworden. Wir wollen zurück zu unserem Ausgangspunkt, dem Nikolaitor, und gehen den Rundweg, den wir uns ausgesucht haben, durch Niesel und Nebel weiter. Ich halte weiterhin Ausschau, aber weit und breit ist keine Sau mehr zu sehen.

Beim Nokolaitor angekommen, möchte Mitmensch unverständlicherweise nicht noch eine Runde gehen um auch Wildschwein Nummer vier zu finden, das wir offensichtlich irgendwo übersehen haben müssen. Ich verspreche baldige Rückkehr.

#43 Therme

Bis vor wenigen Jahren war ich noch nie in einer Therme. Wozu auch. Hauptsächlich herumliegen und dazwischen ein wenig plantschen entspricht nicht unbedingt meiner Vorstellung von einem interessanten Tag. Und „Entspannung“ gehört ohnehin zu den Worten, bei denen sich mir die Stirn in Falten legt und die Nase kräuselt. Das liegt in meiner Vorstellungswelt gleich um die Ecke von „Nichtstun“. In Nichtstun aber bin ich ganz, ganz schlecht. Etwas (egal was) tun zu wollen und es nicht zu dürfen (oder wenn krank: tun zu können), das ist grausam. In der Therme sind nun die Möglichkeiten des Tuns ziemlich eingeschränkt. Man tut zwar die ganz Zeit etwas (Abduschen, rein ins Wasser, warten, raus aus dem Wasser, nicht abduschen, mindestens eine halbe Stunde entspannen, dann erst abduschen, umziehen gehen, eine Kleinigkeit essen, vom Essen ausruhen, dann wieder umziehen, zu den Liegen gehen, etwas entspannen, dann wieder abduschen vor dem Wasser… und so weiter ad infinitum), aber man macht nicht wirklich etwas. Eine ziemliche Herausforderung.

Die ersten zwei, drei Male in der Therme hat es nicht lange gedauert und die Rastlosigkeit hat sich mir mit Würgegriff an den Hals gehängt. Mittlerweile, der Mensch ist ja ausgezeichnet anpassungsfähig, habe ich drei Wege gefunden, mit Hilfe derer ich den Wunsch des Mitmenschen mitmachen kann, ohne dabei die Wände hinaufzugehen und der Thermenlandschaft den Bösen Blick zuzuwerfen:

1. Ein halbes Dutzend Bücher. Man will ja Auswahl haben. Die Therme ist wahrscheinlich der einzige Ort, an dem ich pro Tag ein bis zwei Bücher schaffe, weil das Internet sich so schlecht mit so viel Wasser verträgt. Vielleicht sollte man das Internet zu Hause öfter mal einfach abschalten…

2. Stift und Zeichenblock und eine gute Portion Voyorismus. Menschen in Badehosen können und wollen oft auch gar nichts verstecken und meistens bewegen sie sich langsam genug, um zumindest eine rudimentäre Skizze zu erlauben. Unglaublich, diese Fülle an Formen, Farben und Haltungen! Das ist nicht böse gemeint, Mensch schaut halt wie Mensch aus. Zum Glück, sonst wäre es sehr schnell sehr langweilig. Zum Zeichnen ist das super. Dass man dabei hin und wieder auch Sachen sieht, auf die man hätte verzichten können, gehört dazu. Etwa wenn das um die Hüften geschwungene Handtuch hinten nicht ganz zusammengeht.

3. Sport. In der Therme gibt es ein Sportbecken, das meistens ziemlich leer ist, weil es draußen liegt und kälter als alle anderen Becken ist – ideal also für ein paar Längen, die das Eintauchen in die 36 Grad warme Sole danach zu einem wesentlich befriedigerem Erlebnis machen, als  wie wenn man es vom ohnehin recht warmen Liegebereich aus betritt, denn der vom kalten Wasser etwas ausgekühlte empfindet das warme Wasser dann als tatsächlich warm und angenehm.

Thermen sind super.

#42 Feiertage

Ich habe für Weihnachten dieses Jahr nichts zu Essen eingekauft. Musste ich auch nicht, denn meine Verwandtschaft koch und bäckt gut und viel (zu viel). Da bekommt man dann noch das eine oder andere Stück Kuchen und noch eine Dose Kekse mit nach Hause und ist gut versorgt, auch ohne sich am 23. Dezember mit Menschen, deren Schätzvermögen wieviel man in drei Tagen essen kann als mangelhaft einzustufen ist, um die letzte Tomatendose zu schlagen. Sobald zwei oder – Himmel hilf! – drei Feiertage aufeinandertreffen, bricht in den Lebensmittelläden die Panik aus. Die meisten kaufen ein, als wäre dies die letzte Möglichkeit, sich der Zivilisation zu versichern. Zugegeben, ich kenne ihre Familien und die Bräuche dort nicht, vielleicht endet alles mit Schwerverletzten, da ist es schon verständlich, sich so mit Wasser und Lebensmitteln einzudecken, als ob man die nächsten vier Wochen im Bunker verbringen müsste. Ich war auf jeden Fall froh, um diese Erfahrung dieses Jahr herumzukommen. Und nach dem ganzen Essen heim zu kommen und zu sehen, dass der Kühlschrank angenehm leer ist und man jetzt nicht auch noch was essen muss, aus purer Gewohnheit sozusagen, weil gerade Zeit zum Abendessen wäre.

So nett es auch ist, die vielen Menschen zu Weihnachten zu sehen, so sehr freue ich mich auf die Pause danach. Wir verziehen uns und wollen Silvester am Berg feiern. Es ist nicht wirklich ein Berg, mehr eine Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen, aber ich will die Sache ja nicht kompliziert machen. Am Berg also und alleine. Also zu zweit alleine.

Nach dem Abendessen befinde ich dann aber doch, dass Einöde zwar schön und gut ist, aber ein paar Menschen vielleicht doch ganz nett wären. Menschen mit gestreiften Pudelhauben und zu großen Handschuhen und lächeln könnten sie auch, aber kennen muss man sie nicht unbedingt und reden muss man auch nicht mit ihnen. Zweiter Mensch lässt sich eher unwillig breitschlagen und wir fahren von der Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen runter in die kleine Stadt. Die Erwartungshaltung meinerseits liegt ungefähr bei: Im Zentrum, in der Fußgängerzone, werden ein paar Punschstände offen haben, es wird zwei oder drei Stände geben, die Hufeisen und Stoffschweine und Raketen verkaufen (und vor allem Marzipan) und es sind genügend Menschen da, um das ganze nett zu machen, aber nicht zu viele, um lebensbedrohlich zu wirken, wie etwa am Wiener Silvesterpfad. Geknallt wird pünktlich und vorbildlich um Mitternacht. Das Wetter ist klar, die Chancen stehen gut.

Unten angekommen kommen uns aus Richtung Fußgängerzone tatsächlich ein paar Spaziergänger entgegen, wir sind guter Dinge. Da vorne wird wohl etwas los sein. Aber vorne angekommen war dort überhaupt nichts los. Wo sind alle? Denn normalerweise leben und wohnen hier schon Menschen, wir haben uns vorher erkundigt. Wir spähen in Lokale. Im hiesigen Irish-Pub sind ganze drei Stühle besetzt. In der neonrosa und neonblau ausgeleuchteten Szene-Bar zwei. Aber halt, da vorne stehen die Leute schon auf der Straße, da muss wohl der Bär steppen. Tja. Falsch gesehen – die stehen nur beim Fenster eines Straßenlokals und warten auf ihre Bestellung. Nach einer erfolglosen Runde, die uns Rätsel aufgibt, kehren wir auf die Granit- und Gneisanhäufung mit Lehm- und Lössanteilen zurück. Eine seltsame Nacht. Aber weniger Menschen heißt mehr Sekt für uns und wir sehen uns pünktlich um Mitternacht das Feuerwerk von oben an. Und die Aussicht ist auch besser. Wer braucht schon Marzipan.

Prosit Neujahr!