#41 Stille

Durchalten mit dem Lesen – am Ende gibt es einen Polizeieinsatz!

Burgkino, Studio, Reihe 5 Mitte, die mittelalte Dame macht eine etwas unwillige Bewegung, als ich mich neben sie auf meinen Platz setze. Sie scheint nicht glücklich darüber zu sein, dass sie sich die Reihe teilen muss. Und dann setze ich mich auch noch direkt neben sie. Die Arme. Sie hält sich beim Trailer zum Winston Churchill-Film die Ohren zu, als ihr die Musik offensichtlich zu laut wird. Wie gut, dass jetzt gleich „In Pursuit of Silence“ anfängt, eine Dokumentation von Patrick Shen über die Stille. Doch leider, so stellt sich heraus, lässt sich Stille am besten darstellen, wenn man die Szenen drumherum laut macht. Gezeigt werden zum Beispiel 107 Dezibel bei Feiern in Mumbai, die Anrainer erleiden hier des öfteren Herzinfarkte durch lärmbedingten Stress. Es werden aber auch Flughafeneinflugsschneisen oder Autobahnen gezeigt (und hörbar gemacht). Das will sich die arme Frau neben mir ersparen und hält sich dementsprechend auch während des Stille-Films einige Male die Ohren zu. Wobei der Film nicht lauter ist als andere Filme. Die Dezibelangaben wurden sicher nicht 1:1 fürs Kino übertragen. Bei leisen Szenen, etwa in einem winterlichen Naturschutzpark in den USA, wo 17 Dezibel gemessen wurden, ist das Burg Kino an sich ja sowieso wesentlich lauter. Ohnehin ein interessanter Ort für einen Film über Stille, das hat etwas Ironisches. Ich kenne kein anderes Kino in Wien, in dem man nicht nur die Straßenbahn, sondern auch den Film aus dem Nachbarsaal hört. Dort lief übrigens der neue Star Wars-Film und man konnte sicher sein, dass dort drüben irgendetwas explodierte, wenn bei „In Pursuit of Silence“ gerade Stille herrschrte, etwa bei einer Aufnahme von „4:33“, einem Musikstück von John Cage, bei dem 4 Minuten und 33 Sekunden lang nichts gespielt wird. Dann aber wiederum, vielleicht war es gerade der Ort, der den Film charmanter machte, als er eigentlich war und einen roten Faden bot. Denn den habe ich beim Film selbst vermisst. Stattgessen gibt es einen schrägen Wechsel von lauten, leisen, langen und kurzen Szenen, einige Personen kommen wiederholt zu Wort, andere nur einmal, alle reden zu irgendeinem anderen Thema und kaum einer von ihnen sagt etwas Neues. Ein zerfahrener Film, der – da er die Lautstärke nutzt, um über Stille zu reden – nicht wirklich sein Thema trifft, finde ich. Ja, Lärm macht krank. Ja, in der Stille fällt man auf sich selbst zurück. Ja, die technologisierte Welt ist lauter geworden. Ja, Stille ist wichtig, um sich zu konzentrieren, zu lernen, zu denken. Aber sind das nicht Gemeinplätze?

Neu waren für mich nur zwei Dinge. Das eine war, dass der Mensch in der absoluten Stille zwei Töne hört: einen hohen, den Ton der Nervenbahnen, und einen tiefen, das Rauschen des eigenen Blutes. Das andere war, dass Architekten in Großbritannien während ihres fünf Jahre dauernden Studium insgesamt nur Tag etwas über Akustik und Geräusche lernen und sonst hauptsächlich visuell geprägt werden (und ich nehme an, in anderen Ländern ist das wohl ähnlich). Der Fakt, dass die meisten Gebäudeheizungen und Lüftungen lauter sind als ein durchschnittliches menschliches Gespräch, kommt in diesen Studienplänen nicht vor. Es herrscht nicht nur Verbesserungsbedarf, es gibt großes Potential, Dinge richtig zu machen. Aber nicht nur in der Konstruktion von Gebäuden, auch bei der von Geräten. Dreimal wurde Productplacement betrieben: Ein lautloses Auto von BMW (wobei ich mir denke, dass das für andere Verkehrsteilnehmer durchaus ein Problem sein kann, orientieren wir uns doch – und das zeigt der Film ja auch – über unser Gehör), leise Dyson-Produkte und noch irgendwas anderes. Die Dame neben mir wird ab etwa der Mitte des Films unruhig, wetzt, sie zieht den Mantel an, sie zieht ihn wieder aus. Offensichtlich dauert ihr das Ganze zu lange, sie kann sich aber nicht überwinden, zu gehen. Ob es in ihrer Wohnung still ist? Oder hat sie laute Nachbarn und würde gerne im Kino einmal richtige Ruhe finden? Jetzt fängt sie selbst an, hin und wieder Geräusche zu machen. Dieses laute Ausatmen, wenn man ungeduldig ist. Mit diesem kleinen tz-Laut vorne dran. Manchmal nerven mich solche Menschen unglaublich. Dann drehe ich mich zu ihnen hin und funkle sie böse an. Was meistens nicht bemerkt wird. Aber an diesem Tag saß ich sehr entspannt in dem roten Plüschsitz und habe mir das Lachen verkneifen müssen.

Nach dem Film bin ich hellhöriger auf Umgebungsgeräusche. Das Hintergrundrauschen drängt sich auf einmal in den Vordergrund. Das hält zwar nicht lange an, aber ich könnte, so finde ich, trotzdem wieder mal in die Bücherei gehen. Zwei Tage später bin ich dort: Ahhhh. Stille. Naja. Wie still eine Bibliothek mit kichernder Schulklasse halt so sein kann. Ich suche mir eine andere Ecke. Da diskutieren ein Mann und eine Frau lautstark und in schlechtem Deutsch. Ich will zuerst was sagen, lasse es dann aber und gehe in den ersten Stock. Als ich nach einer Viertelstunde wieder herunterkomme, sind sie immer noch da. „Ich schwöre, ich schwöre!“, ruft sie und er zischt zurück. Da marschieren auf einmal eine Polizistin und ein Polizist an mir vorbei. Ein Aufschrei, der jetzt nicht mehr schimpfende Mann läuft vorbei, die Polizisten sprinten hinterher. Der Mann versucht einen Haken zu schlagen und zischt in eine Regalreihe Richtung Ausgang. Die Polizistin ruft „Stehenbleiben!“, ihr Kollege macht tatsächlich einen Hechtsprung (!) hinter dem Flüchtenden her. Es poltert. Ich versuche dezidiert nicht neugierig zu sein und gehe mir meine Bücher ausborgen. Minuten später kommen weitere Polizisten, der Mann wird auf dem Boden knieend festgehalten und dann mitgenommen.

Ja. So ist das, wenn man in Bibliotheken nicht leise ist.

 

 

 

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