Jahreswechsel

Ich hoffe, euer Fest und die Verwandtschaftsbesuche waren schön und es gab (wie bei uns) reichliches und vor allem gutes Essen! Ich wünsche euch eine angenehme und ruhige Zeit, um die letzten Tage dieses Jahres auf der Couch mit den besten Büchern des Gabentisches und einer Tasse Tee verbingen zu können. Oder, weniger ruhig aber nicht weniger schön, auf der Piste, mit Schnee unter den Brettern und Wind im Gesicht!

Der Blog macht jetzt – bis auf das eine oder andere Bild, das sich eventuell nicht zurückhalten kann – zwei Wochen Auszeit, um 2018 dann wieder voll da zu sein 🙂 Danke euch fürs Lesen und Vorbeischauen und euch allen einen guten Rutsch!

#41 Stille

Durchalten mit dem Lesen – am Ende gibt es einen Polizeieinsatz!

Burgkino, Studio, Reihe 5 Mitte, die mittelalte Dame macht eine etwas unwillige Bewegung, als ich mich neben sie auf meinen Platz setze. Sie scheint nicht glücklich darüber zu sein, dass sie sich die Reihe teilen muss. Und dann setze ich mich auch noch direkt neben sie. Die Arme. Sie hält sich beim Trailer zum Winston Churchill-Film die Ohren zu, als ihr die Musik offensichtlich zu laut wird. Wie gut, dass jetzt gleich „In Pursuit of Silence“ anfängt, eine Dokumentation von Patrick Shen über die Stille. Doch leider, so stellt sich heraus, lässt sich Stille am besten darstellen, wenn man die Szenen drumherum laut macht. Gezeigt werden zum Beispiel 107 Dezibel bei Feiern in Mumbai, die Anrainer erleiden hier des öfteren Herzinfarkte durch lärmbedingten Stress. Es werden aber auch Flughafeneinflugsschneisen oder Autobahnen gezeigt (und hörbar gemacht). Das will sich die arme Frau neben mir ersparen und hält sich dementsprechend auch während des Stille-Films einige Male die Ohren zu. Wobei der Film nicht lauter ist als andere Filme. Die Dezibelangaben wurden sicher nicht 1:1 fürs Kino übertragen. Bei leisen Szenen, etwa in einem winterlichen Naturschutzpark in den USA, wo 17 Dezibel gemessen wurden, ist das Burg Kino an sich ja sowieso wesentlich lauter. Ohnehin ein interessanter Ort für einen Film über Stille, das hat etwas Ironisches. Ich kenne kein anderes Kino in Wien, in dem man nicht nur die Straßenbahn, sondern auch den Film aus dem Nachbarsaal hört. Dort lief übrigens der neue Star Wars-Film und man konnte sicher sein, dass dort drüben irgendetwas explodierte, wenn bei „In Pursuit of Silence“ gerade Stille herrschrte, etwa bei einer Aufnahme von „4:33“, einem Musikstück von John Cage, bei dem 4 Minuten und 33 Sekunden lang nichts gespielt wird. Dann aber wiederum, vielleicht war es gerade der Ort, der den Film charmanter machte, als er eigentlich war und einen roten Faden bot. Denn den habe ich beim Film selbst vermisst. Stattgessen gibt es einen schrägen Wechsel von lauten, leisen, langen und kurzen Szenen, einige Personen kommen wiederholt zu Wort, andere nur einmal, alle reden zu irgendeinem anderen Thema und kaum einer von ihnen sagt etwas Neues. Ein zerfahrener Film, der – da er die Lautstärke nutzt, um über Stille zu reden – nicht wirklich sein Thema trifft, finde ich. Ja, Lärm macht krank. Ja, in der Stille fällt man auf sich selbst zurück. Ja, die technologisierte Welt ist lauter geworden. Ja, Stille ist wichtig, um sich zu konzentrieren, zu lernen, zu denken. Aber sind das nicht Gemeinplätze?

Neu waren für mich nur zwei Dinge. Das eine war, dass der Mensch in der absoluten Stille zwei Töne hört: einen hohen, den Ton der Nervenbahnen, und einen tiefen, das Rauschen des eigenen Blutes. Das andere war, dass Architekten in Großbritannien während ihres fünf Jahre dauernden Studium insgesamt nur Tag etwas über Akustik und Geräusche lernen und sonst hauptsächlich visuell geprägt werden (und ich nehme an, in anderen Ländern ist das wohl ähnlich). Der Fakt, dass die meisten Gebäudeheizungen und Lüftungen lauter sind als ein durchschnittliches menschliches Gespräch, kommt in diesen Studienplänen nicht vor. Es herrscht nicht nur Verbesserungsbedarf, es gibt großes Potential, Dinge richtig zu machen. Aber nicht nur in der Konstruktion von Gebäuden, auch bei der von Geräten. Dreimal wurde Productplacement betrieben: Ein lautloses Auto von BMW (wobei ich mir denke, dass das für andere Verkehrsteilnehmer durchaus ein Problem sein kann, orientieren wir uns doch – und das zeigt der Film ja auch – über unser Gehör), leise Dyson-Produkte und noch irgendwas anderes. Die Dame neben mir wird ab etwa der Mitte des Films unruhig, wetzt, sie zieht den Mantel an, sie zieht ihn wieder aus. Offensichtlich dauert ihr das Ganze zu lange, sie kann sich aber nicht überwinden, zu gehen. Ob es in ihrer Wohnung still ist? Oder hat sie laute Nachbarn und würde gerne im Kino einmal richtige Ruhe finden? Jetzt fängt sie selbst an, hin und wieder Geräusche zu machen. Dieses laute Ausatmen, wenn man ungeduldig ist. Mit diesem kleinen tz-Laut vorne dran. Manchmal nerven mich solche Menschen unglaublich. Dann drehe ich mich zu ihnen hin und funkle sie böse an. Was meistens nicht bemerkt wird. Aber an diesem Tag saß ich sehr entspannt in dem roten Plüschsitz und habe mir das Lachen verkneifen müssen.

Nach dem Film bin ich hellhöriger auf Umgebungsgeräusche. Das Hintergrundrauschen drängt sich auf einmal in den Vordergrund. Das hält zwar nicht lange an, aber ich könnte, so finde ich, trotzdem wieder mal in die Bücherei gehen. Zwei Tage später bin ich dort: Ahhhh. Stille. Naja. Wie still eine Bibliothek mit kichernder Schulklasse halt so sein kann. Ich suche mir eine andere Ecke. Da diskutieren ein Mann und eine Frau lautstark und in schlechtem Deutsch. Ich will zuerst was sagen, lasse es dann aber und gehe in den ersten Stock. Als ich nach einer Viertelstunde wieder herunterkomme, sind sie immer noch da. „Ich schwöre, ich schwöre!“, ruft sie und er zischt zurück. Da marschieren auf einmal eine Polizistin und ein Polizist an mir vorbei. Ein Aufschrei, der jetzt nicht mehr schimpfende Mann läuft vorbei, die Polizisten sprinten hinterher. Der Mann versucht einen Haken zu schlagen und zischt in eine Regalreihe Richtung Ausgang. Die Polizistin ruft „Stehenbleiben!“, ihr Kollege macht tatsächlich einen Hechtsprung (!) hinter dem Flüchtenden her. Es poltert. Ich versuche dezidiert nicht neugierig zu sein und gehe mir meine Bücher ausborgen. Minuten später kommen weitere Polizisten, der Mann wird auf dem Boden knieend festgehalten und dann mitgenommen.

Ja. So ist das, wenn man in Bibliotheken nicht leise ist.

 

 

 

#40 Lichtverschmutzungsmessstellen

Es hat mich überrascht – positiv -, als ich durch einen Artikel erfahren habe, dass Oberösterreich ein Lichtmessnetz hat. Noch nicht lange, aber sie gedenken es offensichtlich einzusetzen. Ich bin begeistert. UND! Man möchte die Nationalpark Kalkalpen-Region zu einem Dark-Sky-Park machen.

Aber langsam und von vorne. Vor ein paar Jahren war ich bei einer Nachtführung im Schönbrunner Tiergarten dabei, man teilte sich mit jeweils einem anderen Menschen einen Restlichtverstärker (von Swarovski – da fragt man sich dann, was man über Schmuckhersteller sonst so alles nicht weiß) und das Ganze startete nach Sonnenuntergang. Es war so dunkel, wie es in Wien halt dunkel sein kann, was aber nicht wirklich dunkel ist, und mehr Tag zu sein scheint als Nacht. Die Wolken strahlten diesen seltsamen orangen Großstadtglow ab und man sah alles und jeden sehr gut, die Restlichtverstärker waren vor allem für blätterreiche Gehege, Innenräume und genaueres Sehen gedacht. Da sagt eine junge Frau neben mir: „Boah ist das dunkel hier!“ „Ja, voll!“, sagt ihre Freundin. Ich war einigermaßen perplex. Das kann doch nicht sein, dass DAS als dunkel empfunden wird. Wurde es aber offensichtlich.

Kurz darauf stieß ich auf das Buch „Die Nacht. Reise in eine verschwindende Welt“ (Original Englisch „The End of Night“) von Paul Bogard. Ein wunderbares und erschreckendes Buch über Lichtverschmutzung (d.h. zu viel nächtliche Beleuchtung), das seine Kapitel auf der Bortle-Skala aufbaut, von Klasse 9 (Hell wie in einer Innenstadt) bis Klasse 1 (extrem dunkel, wie etwa im Wüsteninneren). Bogard geht darin auf die unterschiedlichen Facetten der erhellten Nacht ein, spricht über das Leben von Nachtfaltern und Fledermausschwärmen genauso wie über die menschliche Angst vor Dunkelheit und darüber, dass mondhelle Nächte für das menschliche Auge eigentlich ausreichend Licht bereitstellen: In Mond- und sternenhellen Nächten braucht man keine weiteren Lampen und sie machen es dem Auge leichter, sich an dunklere und hellere Ecken anzupassen, als zwischen gleißenden Lampen und dem scheinbaren Schwarz daneben umschalten zu müssen. Am Land, ohne zusätzliche Beleuchtung, merkt man schnell, dass der Vollmond stark genug ist, um Schatten zu werfen und das Licht reicht tatsächlich aus, um Lesen zu können – was ich aber nicht empfehle, das ist schon anstrengend. Aber versuchen sollte man es mal, es ist faszinierend. Und man merkt, wie wenig Licht reicht, um gut sehen zu können. Das Auge kann das – aber man muss ihm auch die Möglichkeit dazu geben, sonst vergisst es irgendwann mal, wie ausgezeichnet es für Dunkelheit ausgerüstet ist.

Nun ist natürlich nicht jede Nacht sternenklar und Beleuchtung ist durchaus sinnvoll. Wenn es sinnvolle Beleuchtung ist, die das Licht dorthin lenkt, wo es hin soll: Auf die Straßen und Gehwege und nicht zur Seite oder nach oben, um den Flugzeugen zuzuzwinkern. Auch auf Gebäudebeleuchtungen in der Innenstadt muss man nicht verzichten, und wenn man es richtig macht, dann erreicht man den Paris-Effekt: Alles sieht in der Innenstadt wunderbar beleuchtet aus, streut aber kaum nach oben weg. In Wien funktioniert das noch nicht so, hier wurde zu Beginn des Jahres festgestellt, dass etwa ein Drittel der Lichtverschmutzung von Straßenbeleuchtungen herrührt, der Rest geht auf das Konto von Werbetafeln, Fassenden- und Geschäftsbeleuchtungen (man siehe hier). Es sind kaum Sterne sichtbar, dafür leuchtet eine orange Glocke über der Stadt. Hierzulande muss man sich keine Genehmigung für Beleuchtungen holen, und auch wenn ich sonst gegen Genehmigungen für alles und jeden bin, es würde wohl schneller zu Ergebnissen führen, als jedem zu erklären, warum er oder sie in eine sinnvolle und umweltfreundliche Lichtarchitektur investieren möge.

Spannenderweise gibt es seit 2014 in Großmugl, nur 35km Luftlinie weit weg von der Hauptstadt, einen Sternenweg, denn der Ort bietet, so auf der Homepage, „durch eine landschaftliche Besonderheit ausgezeichnete Bedingungen zur Beobachtung des Nachtimmels“. Großmugl bewirbt sich außerdem um einen Unesco-Welterbestatus (die Unesco hat das Recht auf Dunkelheit in ihre Arbeit mitaufgenommen, einen 241 Seiten fassenden Konferenzband dazu gibt es hier) als Dark-Sky-Park (wie die Kalkalpenregion) – zur Zeit gibt es davon etwa 50 weltweit. Ich denke, da muss ich mal hin 🙂

Zurück nach Oberösterreich. 23 Lichtmessstationen wurden eingerichtet, um die Helligkeit in der Nacht zu messen und die beiden Gemeinden Kirchschlag bei Linz sowie Steinbach am Attersee sollen hinsichtlich ihrer Beleuchtung Mustergemeinden werden: Bewusste Beleuchtung, Bewegungsmelder, nach unten gerichtete Lichtkegel sowie warm-weißes Licht sind die Ziele (sagt der Standard hier), die u.a. nicht nur das Insektensterben verringern, sondern auch der menschlichen Gesundheit zuträglich sein sollen. Der Mensch ist nicht gemacht für die hellen Nächte, neben Schlafproblemen und verkürzten Regenerationsphasen soll es auch das Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten sowie Krebs erhöhen. Also: Schlafzimmer abdunkeln, wenn die Straßenbeleuchtung draußen zum Fenster hereinscheint.

Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe.

 

P.S.: Auf der Homepage des Landes OÖ findet man einen kleinen Leitfaden zum besseren Umgang mit Licht (siehe hier).

#39 Weihnachtsmarkt

Ein Weihnachtsmarkt. Das Thema konnte ich nicht umgehen. Also habe ich mich aufgemacht, bei leichtem Schneefall, um den Kunsthandwerksweihnachtsmarkt am Karlsplatz zu besuchen. Dort angekommen hat sich der leichte Schneefall in Regen verwandelt und ich bin ohne Schirm. Umzudrehen kommt natürlich nicht in Frage. Und siehe da, die Stände haben durch ihre aufgeklappten Läden kleine Vordächer, und darunter steht und schaut man dann eben ein wenig länger, bevor man die vier Schritte zum nächsten Vordach macht. Alles nicht so schlimm. Und Mensch besteht ja aus über der Hälfte aus Wasser, nicht aus Zucker (wobei das nicht ganz stimmen kann, weil wir Kohlenhydrate ja in Zucker umwandeln und so… Aber das ist ein anderes Thema). Es ist Nachmittag und nicht viel los, was mir grundsätzlich lieb ist. Aber wenn man sich so umschaut, stellt man schnell fest, dass die Standelansammlungen doch schöner sind, wenn es etwas dunkler ist, man nicht mehr alles so genau sieht und die Lichter brennen. Zumindest wenn die Lichter noch relativ dezent sind, wie hier am Karlsplatz. Der Rathausplatz ist mir persönlich zu bunt, da fühle ich mich die ganze Zeit angeschrien.

Der Regen bringt Kurioses zum Vorschein. Durch das etwas längere Verweilen bei einzelnen Ständen hört man Gespräche, die man beim Vorbeischlendern im Schneetreiben wohl versäumt hätte. Zum Beispiel erklärt eine Frau einer Standlerin, die Marmeladen, Chutneys, Senf, Schmalz und andere Dinge in Gläsern verkauft, was sie alles nicht braucht, weil sie es schon zu Hause hat. Gut, ich wäre auch ohne diese Information ausgekommen (die Standlerin wahrscheinlich ebenfalls), aber es ist wenigstens netter als das „So a Glumpat“, zu dem sich ein weiterer Weihnachtsmarktbesucher in Anbetracht von ein paar Holzfiguren hinreißen lässt. Da ist wohl jemand noch nicht in friedlich-gelassener Weihnachtsstimmung. Ich verwerfe die Idee, ihm einen Glühwein zu spendieren, sofort wieder, denn ein Blick bestätigt, dass er sich nicht nur wie ein grantiger alter Mann anhört, er sieht auch wie ein grantiger alter Mann aus. Und vielleicht hatte er ja auch schon zu viel Glühwein und ist deswegen in seiner Stimmung verstört. Aber es gibt auch nette Dinge: Kinder bei den Tieren etwa, die verlegen versuchen, eine Ziege zu streicheln, und die Ziege, die ihrerseits nicht ganz so verlegen versucht, einen Handschuh zu ergattern. Vielleicht ist der Weihnachtsmarkt dort am Schönsten, wo gerade nicht versucht wird, etwas zu verkaufen.

Ich verlasse die Vordächer: Ein Holzhäuschen, in dem ein Töpfer seine Schüsseln und Vasen aufgebaut hat, macht mich neugierig. Wir plaudern ein wenig und er erzählt mir über seine Techniken, Raku etwa, bei dem man das Gefäß noch heiß aus dem Brennofen nimmt, damit die Glasur springt (wenn ich das richtig verstanden habe). Es sieht sehr schön aus, allerdings ist das, was ich für einen Suppenteller halte, dadurch kein Suppenteller mehr, sondern eine Obstschale, denn Flüssigkeiten verträgt die Keramik aufgrund die Behandlung dann nicht mehr. Ich bedanke mich für die Erklärung und weiß jetzt, dass ich zwei Schüsseln mit Raku-Technik daheim habe, und was ich mit ihnen nicht (mehr) machen werde.

Der Regen hat aufgehört und die Beleuchtung hebt sich langsam vom dunkler werdenden Himmel ab. Ich hole mir eine Tasse Zirbenpunsch, der nicht zu süß und leicht herb schmeckt. Ein bisschen nach Holz halt, wie sich das für Zirbe gehört. Und mit der Tasse in der Hand gehe ich noch eine Runde. Weihnachtsmärkte sind nicht soo schlimm. Aber beim nächsten Mal gehe ich an einem Tag, der mehr nach Dezember als nach November riecht.