#36 Krähen

Vögel füttern ist recht nett – nicht nur für die Vögel, sondern auch für die Beobachter. In Wien hält sich die Zahl der unterschiedlichen Vogelarten in dem eher städtisch angelegten Gebiet mit wenig Grün, in dem ich wohne, eher in Grenzen, aber wir haben sogar schon mal Spechte gesehen. Im Sommer segeln die Schwalben durch den Hof und jetzt, im Spätherbst, stochert eine Kohlmeisentruppe regelmäßig alle Ritzen der Umgebung nach Essbarem ab. Und dann gibt es noch die Raben. Beziehungsweise, nach einem Blick ins Vogelbestimmungsbuch, die Nebelkrähen. Man nennt sie auch Aaskrähen, aber man will es sich ja mit den Vögeln nicht verderben. Nebelkrähen sind Reviertiere, das Pärchen in unserer Umgebung verteidigt das auch vehement mit lautem Krächzen und weiß wahrscheilich alles, was hier abläuft. Das meiste davon – wie diverse Klimaanlagenstreitigkeiten oder hinter-vorgehaltener-Hand-über-die-neuen-Nachbarn-Tuscheln – interessiert sie wohl eher weniger. Was sie interessiert, ist Essen.

Im Sommer haben wir unvorsichtigerweise Marillenkuchen auf den Balkon gestellt. Für uns. Zum Frühstück. Und sind dann Tee machen gegangen. Zurück am Balkon war vom Marillenkuchen nicht mehr viel da, die Nebelkrähe hatte noch ein Beweisstück in Form einer Marille im Schnabel und wandte sich zur Flucht. Dreist.

Jetzt, in einer Zeit, in der nicht mehr so viele Marillenkuchen am Balkon herumstehen, finde ich kann man zur eigenen Unterhaltung und zur besseren Ernährung der Nebelkrähen beitragen, wenn man sie ein wenig füttert. Man kann und soll ja nicht nur von zu Boden gegangenen Pommes leben.

Aber darf man Krähen überhaupt füttern? Ich hatte den Spruch „Wer Tauben füttert, füttert Ratten“ im Kopf. Man darf – zumindest laut wien.gv.at:

„Das Füttern von Tauben und Krähen darf nur in jenen Mengen erfolgen, als die am Ort befindlichen Vögel das Futter gänzlich aufnehmen können. Ein Überschuss an Vogelfutter lockt Ratten an und ist deshalb unbedingt zu unterlassen.“

Offensichtlich ist auch das Taubenfüttern nicht grundsätzlich verboten, wie ich dachte, aber Tauben will ich trotzdem keine anlocken. Die sind mir zu dumm. Die Krähen hingegen fahren bei Schnee auf dem Dach Schlitten und spielen in der Dachrinne Schneepflug. Manchmal werfen sie Steine in die Regenrinne, weil es so schön klappert, wenn er runterfällt. Großartig!

Der Versuch hat mit Walnüssen gestartet, die sehr erfreut von den Krähen aufgenommen wurden. Sie haben in Rekordtempo die Nüsse zu den gegenüber liegenden Balkonen transportiert und dort in diversen Blumenkästen versteckt. Gut. Keine Walnüsse mehr. Wegen der guten Nachbarschaft. Und so.

Zweiter Versuch: Trauben. Ein totaler Reinfall. Das Weibchen hat die Traube ein wenig herumgerollt und sich dann getrollt. Das Männchen ist herumgestelzt und hat die Trauben demonstrativ ignoriert. Die Entrüstung darüber, keine Nüsse vorzufinden, war offensichtlich.

Dritter Versuch: Erdnüsse. Die Nebelkrähen, die rasch begriffen haben, dass es offensichtlich hier am Balkon regelmäßig Frühstück gibt und mittlerweile schon darauf warten bzw. wenn nichts kommt, empört zu rufen beginnen, waren von den Erdnüssen noch viel begeisterter als den Walnüssen. Eine mit dem Schnabel nehmen, zu einem nahen Dach fliegen, aufhacken (hui, da merkt man erst, wie scharf dieser Schnabel sein muss), fressen und wieder retour. Mittlerweile sind sie etwas entspannter geworden: Sie fangen jetzt an, die Nüsse am Balkon vor dem Transport mit dem Schnabel zu wiegen, um zu sehen, wo mehr drinnen ist. Verwöhntes Pack.

Wie ich überhaupt auf die Krähen komme? Es gibt ein neues Buch, das ich mir ansehen möchte und das vom bmwfw für den Wissenschaftspreis des Jahres 2018 nominiert wurde (mehr dazu findet man hier): Jennifer Ackermann: Die Genies der Lüfte. Die erstaunlichen Talente der Vögel. (2017) Wahrscheinlich gibt es noch ein paar mehr Dinge, als dass Krähen Erdnüsse mögen, die man über Vögel wissen können darf.