#30 /Slash

Es ist Sonntag und auf dem Weg zum Filmcasino sitzt einer mit Sack und Pack und zwei Klapphockern an der Straßenecke: Ein Sandler? Vielleicht. Vor allem ist er auch ein Wikinger, der Thors Hammer im rostroten Bart trägt und auf einem der Hocker ein Schachbrett vor sich stehen hat. Ich gehe vorbei, er zeigt lachend auf die schön in Anfangsposition aufgestellten Figuren – und ich winke und sage, dass ich leider nicht wirklich Schach spielen kann. Ich weiß zwar, wie alle Figuren springen, aber mehr dann auch wieder nicht. Er nimmt es mir nicht übel, wünscht mir freudestrahlend einen schönen Tag und zwinkert.

Ich laufe über die Straße und zum Filmcasino: Das Filmcasino ist eines der charmantesten Kinos Wien. Die Tapeten sind gestreift oder tragen Blumen (um nur zwei Muster zu nennen), die an der Wand montierten Ledersitzbänke sind alt und grün und wunderbar und abgewetzt, daneben gibt es dunkle Stäbchenholzvertäfelung. Die Türe zum einzigen Saal ist mit Leder gepolstert, darüber hängt eine schwere Messinguhr. Es gibt ein Buffet und rund-verwinkelte Toiletten. Der Ticketschalter ist gerade besetzt, sonst hätte ich mir vor der Vorstellung noch ein Plakat vom /Slash-Festival mitgenommen. 8 € – aber es ist schon ziemlich cool (und ich mag den Stil von André Breinbauer). Da ich aber jetzt nicht warten will, nehme ich mir vor, nach der Vorstellung nochmal zu kommen.

Es ist der letzte Tag des /Slash-Filmfestivals und die erste Vorstellung heute beginnt um 13:00. Es ist immer ein wenig schräg, wenn man so früh am Tag ins Kino geht und es draußen noch immer hell ist, wenn man es wieder verlässt. „Tremors“ (1990, Regisseur: Ron Underwood) steht auf dem Programm und ich bin gespannt. Zusammenfassung: Ein junger Kevin Bacon kratzt sich am Hintern und liefert sich mit Fred Ward wunderbare Schlagabtausche, während sie „the floor is lava“ spielen (bzw. „Feuer Wasser Sturm“ und ständig schreit jemand „Wasser“) auf Würmer schießen.

Earl (Fred Ward): Hey, Rhonda, you’ve ever seen anything like this before?
Valentine (Kevin Bacon): Oh, sure Earl. Everyone knows about them, we just didn’t tell you.

Das ganze spielt in einer winzigen Siedlung irgendwo im Nirgendwo der USA, es gibt eine Handvoll Einwohner, darunter ein chinesischstämmiger Tante-Emma-Ladenbesitzer und ein Ehepaar, das nicht nur eine eigene Wasseraufbereitungsanlage, einen Luftfilter und einen Geiger-Zähler, sondern zusätzlich ein ganzes Waffenarsenal im atombomensicheren Keller hat. Worum es geht? Der deutsche Untertitel lautet: „Im Land der Raketenwürmer.“ Klingt jetzt eher aberwitzig, aber der Film ist tatsächlich witzig und es passiert – abgesehen von den Viechern und was die so anstellen – nichts, was nicht tatsächlich in so einer Situation passieren könnte. Es gibt keine Szenen in denen man sich „und wie ist das jetzt bitte passiert“ oder „ja aber freilich“ denkt. Für mich eine der besten Horrorkomödien, die ich je gesehen habe. Großartig. Wo findet man schon solchen Perlen, wenn nicht am /Slash-Filmfestival.

Danach nochmal zum Ticketschalter, ich wollte ja ein Plakat. Und es ist der letzte Tag des Festivals, also letzte Chance. Aber der Ticketschalter hat nach der Vorstellung zu und will erst Stunden später zur nächsten Vorstellung wieder aufmachen – nein! Was jetzt? Ich frage beim Buffet nach – aber dort hat man leider keinen Schlüssel und kommt nicht in den Ticketschalterraum. Man hat auch kein Plakat. Hm. Überlegen. Halt, da laufen Festivalbetreuerinnen herum – hah! Ich frage nach. Sie fragen auch nach – wer gerade den Schlüssel zum Krims-Krams-Raum hat (so haben sie ihn nicht genannt, aber so sah er aus). Und dann, ob ich 5 Euro genau hätte, denn sie haben ebenfalls keinen Schlüssel zum Ticketschalter oder zur Handkassa, aber sie würden mal den Schlüssel zum Krims-Krams-Raum suchen. Und sie meinen, die dicken diesjährigen Plakate seien aus und es gäbe nur mehr dünne. Deswegen 5 €, nicht 8. Ich habe einen 20er und laufe durchs Kino, nette Leute können mir wechseln. Mittlerweile ist der Schlüssel für den Krims-Krams-Raum, in der die Plakate liegen, gefunden und ich reiche 5 €. „Ah nein“, sagt die junge Frau: „Das Plakat ist gratis.“ Von 8 auf 5 auf 0 €. Wie nett! Danke euch, ich freu mich und hinter mir steht gleich noch jemand, der auch gerne eines hätte.