#26 Die Schallaburg

Diesen Sommer war ich zweimal auf der Schallaburg – und das innerhalb einer Woche. Zum einen waren die KunstWerkTage. Die finden seit wenigen Jahren an einem Sommerwochenende statt und so eine Burg bietet österreichischen Kunsthandwerkern einen imposanten Rahmen. Als wir am entsprechenden Sonntag dort eintrudelten, fielen uns zwei Dinge ins Auge: 1. Es regnete. 2. Der Regen führte dazu, dass weniger Menschen da waren. Das fand ich super. Es war herrlich leer und im wunderschönen Renaissance-Garten hörte man den nassen Kies unter den Schuhen knirschen. Für die Aussteller war das zugegebenermaßen nicht so toll, aber sie hatten Zelte und am 36 Grad heißen Vortag offensichtlich genügend Publikum um einen Regentag verschmerzen zu können. Faszinierend fand ich vor allem den Naturlehmkeramiker, mit dem wir uns  unterhalten haben und der seinen Lehm selbst ausgräbt (man kucke hier).

Drei Tage später waren wir wieder dort – diesmal um die Islam-Ausstellung zu besuchen. Wir haben uns für die Führung entschieden, um ein wenig drumherum mitzubekommen. Der Museumsführer war Feuer und Flamme und sehr um unsere Weiterbildung bemüht (meine Damen und Herren). Er hat gute Fragen gestellt (zB „Meine Damen und Herren, wenn man Sie fragt, welche Religion sie haben, was antworten Sie dann? Meistens mit der Konfession – und so ist es im Islam ebenfalls. ‚Den‘ Islam gibt es nicht, auch dort unterscheidet man viele Richtungen.“), wollte auf seine Fragen aber nie wirklich Antworten hören. Man kennt das ja, meine Damen und Herren. Je mehr Räume wir durchschritten haben, desto öfter hat er sich in Details verstiegen („Man erlaube mir eine Anmerkung, meine Damen und Herren,… „), die – so nehme ich an – am Jahresanfang, als er die Führung konzipiert hat, wohl noch nicht enthalten waren und die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. So würde sich – meine Damen und Herren – auch die weit über eine Stunde hinausgehende Führungsdauer erklären. Nach fast zwei Stunden war er fertig und wir auch. Ich habe viel gelernt, etwa dass Allah 99 Namen hat oder dass Torberg in der „Tante Jolesch“ über den Poldi Weiss aus Lemberg schreibt, der sich später Muhammad Asad genannt hat und – laut Museumsführer – die einzig lesbare schöne Übersetzung des Korans geschrieben habe. Aber irgendwann geht es nicht mehr. Im Innenhof gibt es glücklicherweise ein Café und sehr gutes Eis. Zum Abkühlen überanspruchter Nervenbahnen. Zisch.

Fazit: Die Burg ist wunderschön, hat eine spannende Geschichte (unter den protestantischen Herren von Losenstein wurde der mittelalterliche Kern zum Renaissanceschloss ausgebaut) und unbedingt einen Besuch wert. Für die Führung sollte man sich entsprechend wappnen.

Valerian et Laureline

Vor zwei Wochen habe ich den Film „Valerian“ gesehen. Regisseur ist Luc Besson, unter allem bekannt wegen seiner Film „Leon der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997, siehe auch Leeloo). Der Film basiert auf einem Comic: „Valérian et Laureline“ ist eine französische Comic-Serie, gezeichnet von Jean-Claude Mézières (Pseudonym Mézi), geschrieben von Pierre Christin (Pseudonym Linus). Fallen einem Ähnlichkeiten in den Designs der Filme „Das fünfte Element“ und „Valerian“ auf, so liegt das nicht nur am gleichen Regisseur: Jean-Claude Mézières hat für Besson „zwischen 1992 und 1997 Hintergrund- und Kostümentwürfe, Visuals für Einrichtungen und Fahrzeuge aller Art“ (*) für den Film „Das fünfte Element“ entworfen – so viele, dass in Frankreich ein eigener Bildband dazu herausgegeben wurde (Les Extras de Mézières N°2: Mon Cinquième Élément, 1998).

Die erste „Valerian et Laureline“-Geschichte erschien 1967 in der 420. Ausgabe von „Pilote“, einem Comic-Magazin, das zu dieser Zeit von René Goscinny geleitet wurde (genau – das ist der Schreiber von „Asterix“). Diese erste Geschichte schickt Valerian per Zeitreise ins Mittelalter: Dort trifft er auf Laureline, die ihm aus der Klemme hilft und mit ihm zurück in die Zukunft reist. Von nun an ist sie bei jedem Abenteuer dabei und kennt sich mittels der „automatischen Gedankenhaube“ in der Zukunft genauso gut aus wie zuvor im Europa des 11. Jahrhunderts.

Ich muss sagen, der Titel des Films „Valerian“ hat mich durchwegs irritiert und tut es immer noch, vor allem nach den Recherchen zum Comic: Das französische Original trägt den Namen „Valérian et Laureline“. Auf Deutsch heißt der Comic „Valerian und Veronique“ (frei erfundene Namen wurden in den 70ern hier scheinbar eher abgelehnt ^^). Auch auf Englisch lautete der Titel „Valerian and Laureline“ – bis der Film produziert wurde. Jetzt heißt es bei den Neuauflagen auch dort nur mehr „Valerian“. Wieso man auf einmal die zweite, ebenso wichtige Hauptfigur einfach auslässt – keine Ahnung. (Bzw. schon eine Ahnung, aber keine gute. Das wäre in etwa: Wozu brauchen wir die Frau im Titel? Es reicht doch der männliche Held.) War „Valerian and Laureline and the City of a Thousand Planets“ zu lang und umständlich? Wollte man der Dame keinen Platz lassen? Gerade weil der Film eine sehr ausgewogene Partnerschaft zwischen den beiden Hauptfiguren zeigt und der Titel der Comic-Serie (wie auch deren Inhalt) beiden Protagonisten gleiches Gewicht gibt, gibt es meiner Meinung nach kein valides Argument dafür, Laureline unter den Tisch fallen zu lassen.

Zum Film: Der Film ist zwar schnell geschnitten und die beiden Hauptfiguren arbeiten zackig und auf die Minute, doch ist der Streifen mit einigen langwierigen Kampfszenen und v.a. einer Rihanna-Tanzeinlage bestückt, die zwar schön zum Ansehen ist, aber bei der es auch die Hälfte getan hätte. Der Plot der Comicvorlage (Im Reich der tausend Planeten, 1969) ist kaum wiederzuerkennen, ich vermute, es wurden hier mehrere Geschichten eingearbeitet oder eine neue geschaffen. Da ich aber erst drei Comic-Geschichten kenne, kann ich an dieser Stelle nur raten. Glaubt man den Verkaufszahlen, so kommt „Valerian“ in den amerikanischen Kinos nicht so gut an wie in Europa (war das nicht bei „Das fünfte Element“ ähnlich?). Als Grund dafür wird u.a. die Tatsache gehandelt, dass der Comic in den USA weniger bekannt sei als hier (ich hatte vor dem Film aber auch noch nie etwas davon gehört – vielleicht ist das eine Generationensache?).

Der „Hollywood Reporter“ meint, dass mit dem Film der „Euro-trash“ zurück sei. Natürlich hätte man eine bessere Schauspielerin als Cara Delevingne als Laureline casten können, und wenn der „Rolling Stone“ Dane DeHaan (Valerian) „manchild“ nennt, ist das zwar ein bisschen unfair, aber leider auch ein bisschen wahr. Doch ist die Geschichte gesamt gesehen eine, die nicht positiv von unkontrollierten militärischen Machthabern redet und zumindest den stark humanistischen Kern der Comics am Ende einbringt: Auf Laurelines Drängen hin wird zwar nicht ein Fehler wieder gut gemacht, aber zumindest ein weiterer verhindert. Wenn das Euro-trash ist, dann möge man mir Euro-trash geben.

Ein Mini-Sketch dazu:

 

 

*: Jean-Claude Mézières, Pierre Christin: Valerian & Veronique. Gesamtausgabe – Band 1. Hamburg 2011, Seite 11.

#25 Wanderführer

Der Wanderführer verspricht unter „Hollenburger Wetterkreuz und Maria Ellend“ „volkommenes Wanderglück!“ Ja, inklusive Rufzeichen. Die Wanderung dauert am Papier viereinhalb Stunden. Wir starten um halb 9 im schönen Nussdorf und wandern durch die Weinberge auf den Hollenburger Berg. Wir haben bereits drei Wanderungen mit dem Wanderführer hinter uns und wissen um gewisse originelle Formulierungen. Bisher hat das zu nur relativ geringen Verzögerungen geführt. Bisher. ABER! Dieses Mal lässt uns sowohl Wanderführer als auch Wegmarkierung innerhalb der ersten Stunde im Stich. „Rechts haltend in Nordrichtung empor zu einer Anhöhe (400m; Durchblick zur Wetterkreuz-Kirche!) am Plateau des Hollenburger Berges.“ Wir erreichen das Plateau. Zumindest ist es in unseren Augen das erste Plateau, das wir auf dem Weg gesehen haben. Zuerst aufwärts, dann flach. Das verstehe ich unter Plateau. Vorher: Nichts flach. Hier oben aber: flach. Danach geht es auch wieder runter. Das müsste also das Plateau sein. Aber kein Durchblick weit und breit. Und was danach im Wanderführer steht, wirft uns arge Falten auf die Stirn und führt zu weitläufigen Diskussionen: „Jenseits auf Fußweg 40 Höhenmeter steil nach Norden abwärts, dann weniger steil zum rot und blau bez. Querweg Nr. 475 (‚Tullnerfelder Rundwanderweg‘) und diesen rechts haltend in den Sattel (350m; Weingärten) vor dem Schiffberg.“ Vor dem Schiffberg was? Aber soweit kommen wir ja gar nicht, dass uns diese Frage interessieren könnte. Ich stecke schon bei „Jenseits“. Jenseits von was? Vom Plateau? In welcher Richtung bitte liegt denn Jenseits? Metaphysisch gesehen hätte ich ja eine Idee, aber das war eindeutig nicht Ziel dieser Wanderung. Und wenn „jenseits“ einfach „auf der anderen Seite“ heißt, wo ist dann bei einem Plateau, von dem links und rechts jeweils ein Weg wegführt, die andere Seite? Und egal auf welcher Seite vom Plateau – keiner der beiden Wege führt 40 Höhenmeter steil nach unten. Alles schlingert und wellt. Wir versuchen den einen und auch einen anderen Weg – alles seltsam und kein rot und blau bezeichneter Querweg in Sicht. Kein Schild und keine Wegmarkierung weit und breit. Kann doch nicht sein? Der Wanderführer verspricht GPS-Daten. Wir versuchen es. Die Website will ein Passwort aus dem Buch. Wir geben das Passwort ein. Dreimal. Dreimal sagt die Website, das Passwort sei falsch. Wir fluchen auf die beiden Wiener Wanderschreiber, den Verlag und das Buch und stöbern dabei ein Reh auf, das einen Meter neben uns im Gebüsch stand. Alle drei beteiligten Parteien (ich, Mitwanderer, Reh) erleiden einen mittleren Herzinfarkt. Wir geben aus gesundheitlichen Gründen das erste Etappenziel, also die Wetterkreuz-Kirche, auf und schlagen uns der Nase nach Richtung Krustetten – dem nächsten Zielort – durch. Irgendwie landen wir auf der Landstraße und dampfen in einer Mischung aus Zorn und Enttäuschung vor uns hin. Zwischenziele nicht zu erreichen hat etwas deprimierendes.

In Krustetten lauert das nächste Hindernis: Man solle bei einer Verzweigung im oberen Ortsbereich den ‚Canada-Weg’ finden. Wir finden ihn nicht. Wir sehen Menschen, Einheimische, fragen nach. Kopfschütteln. Einen Canada-Weg? Gibt’s hier nicht. Es gäbe einen Oberen und einen Unteren Waldweg, versucht man zu helfen. Wir nehmen den Weg, der am ehesten dem roten Strich auf der Mini-Karte entspricht und hoffen. Der Weg heißt „Göttweig“, weil er Richtung Göttweig führt. Man denkt hier kleiner, alles was über der Donau liegt – geschweige denn über dem Atlantik – ist hier wahrscheinlich schon „jenseits“. „Göttweig“ stellt sich als richtiger Weg heraus und wir wandern über das „Rote Kreuz“, „Maria Ellend“, noch ein „Rotes Kreuz“, das „Rampelkreuz“ über das „abgebrochene Kreuz“ weiter zum „weißen Kreuz“ (alles offensichtlich alte Grenzmarkierungen, von Göttweig katholisch überstrahlt) und schließen die Runde in Nußdorf. Auf dem Weg von der Ortsgrenze Krustetten bis zurück nach Nußdorf begegnet uns auf der ganzen Strecke nur ein einziger Mensch (Ausnahme: der Gasthof bei Maria Ellend, dort war es ein ganzes Dutzend). Wir hegen die schwere Vermutung, dass die anderen Wanderer alle noch immer die Wetterkreuz-Kirche suchen. Mein Mitwanderer ist überzeugt, dass die Verfasser nur bis in die Weinberge von Nußdorf gekommen seien und ab dort alles frei erfunden haben.

16 Kilometer und 25.300 Schritte später sind wir zurück beim Auto. Es ist jetzt halb drei. Nur eineinhalb Stunden länger als geplant. Davon eine Dreiviertelstunde Pause im Gasthof bei Maria Ellend und man weiß nicht wieviel Zeit für Diskussion, Suche, Vor- und Zurückgehen und Stirnrunzeln. So fühlt es sich also an, das „vollkommene[] Wanderglück!“ Ich überlege stark den Wanderführer trotz seiner sich nicht umweltfreundlichen Beschichtung einfach zu verheizen.

Franz und Rudolf Hauleitner: Wachau. Mit Dunkelsteiner Wald, Nibelungengau und Strudengau. München 2011. S. 32-34.