#28 Die Fußwegkarte

Es gibt eine „Fußwegkarte Wien 2017“. Die genaue Jahreszahl suggeriert, dass die Gehsteig-Infrastruktur in Wien offensichtlich einem raschen Wandel unterliegt. Persönlich ist mir das bisher (von Baustellen, die einen auf den Fahrweg schicken abgesehen) nicht aufgefallen, aber das liegt wohl daran, dass ich in eher trägen Bezirken unterwegs bin, die es nicht so gerne sehen, wenn Trottoirs abhanden oder hinzu kommen.
Zusätzlich zur Karte gibt es nicht nur eine App („mit vielen Funktionen!“), die ein Schrittzähler mit Navi-Funktion sein dürfte, sondern auch ein „Zu-Fuß-Gehen-Service“, einen Spaziergang-Kalender (?) und eine Wunschbox, wenn man „Anliegen zum Zu-Fuß-Gehen in Wien“ hat – alles betreut  von der Mobilitätsagentur Wien (kein Scherz, die heißen tatsächlich so).
Jetzt bin ich eine dem Zu-Fuß-Gehen zugeneigte Person und sollte somit doch zur Zielgruppe dieser Karte, der diversen Apps und der Wunschbox zählen. Aber. Aber!

Auf der Homepage www.wienzufuss.at steht:

„Entdecken Sie die Stadt mit neuen Augen, als wären Sie als TouristIn unterwegs. Bewundern Sie Kunst im öffentlichen Raum, tauchen Sie ein in Wiens interessanteste Einkaufsstraßen, sparen Sie Zeit, indem Sie versteckte Durchgänge nützen. Lassen Sie sich zu längeren Ausflügen auf Stadtwanderwegen verführen. Die Karte berücksichtigt auch die scheinbar unwichtigen Bedürfnisse während eines Fußweges: Wen der Durst plagt, findet man den nächsten Trinkbrunnen, wer seine Schuhe verschlissen hat, findet den nächstgelegenen Schuhmacher. Und öffentliche WC Anlagen dürfen ebenfalls nicht fehlen.“

Ich kenne die Stadt mittlerweile schon ein wenig und entdecke sie auf der Karte mit neuen Augen. Zuerst zu den Stadtwanderwegen: Ich bin Fan, ich mag diese kleinen Wanderrouten. Aber es muss (meiner Meinung nach) wohl eher frustrierend sein, sie mit der im Maßstab 1:35.000 angelegten Karte absolvieren zu wollen. Hier fährt man deutlich besser mit den größeren Karten und Wegbeschreibungen, die man sich vom Magistrat zuschicken lassen kann (Stadtwanderwege). Ich rate energisch von der Fußwegkarte ab, das kann nicht gut gehen. (Wer Einwände oder andere Erfahrungen hat, möge mir bitte widersprechen.)

Zu den weiteren Highlights: WC-Anlagen, Schuster und Trinkbrunnen. Die WC-Anlagen der U-Bahnen sind nicht eingezeichnet – obwohl sie doch am schnellsten zu finden sind. Die wenigen Schuhmacher, die ich kenne, haben kein Schuh-Piktogramm bekommen – nach welchen Kriterien ist man da vorgegangen? Und im Augarten scheint kein einziger Trinkbrunnen auf, was nicht stimmt, ich weiß zumindest von einem gleich beim Eingang Ecke Gaußplatz. Und ist bei der Bunkerei nicht auch einer? Und die Wege in den meistens Parks sind wenn überhaupt nur zum Teil eingetragen – nach keinen mir nachvollziehbaren Kriterien. Warum? Waren das zu viele? Sind die anderen nicht schön?
Natürlich, zwei Minuten Karte anschauen und gleich motzen und negativ sein – das kann jeder. Aber schlampige Arbeit muss nicht sein, egal wie man zur Sinnhaftigkeit dieser Karte steht. Für die Mobilitätsagentur fällt das aber wohl unter:

„Die erste Wiener Fußwegekarte ist ein „lebendiges Produkt“. Sie wird laufend weiter entwickelt und verbessert. Schreiben Sie uns, wenn Ihre Lieblingsroute fehlt, oder sich ein empfohlener Weg als unzureichend erwiesen hat. Wir freuen uns über Ihr Feedback: Wunschbox“.

Ah ja. Wenn etwas fehlt, schreiben Sie uns bitte und wenn etwas falsch ist bitte auch. Das kann eine freundliche Einladung sein, das könnte aber auch eine Generalausrede für Husch-Pfusch sein.

Was mir noch auffällt: Bestimmte Strecken sind blau gepunktelt („belebter Weg, Durchgang“), andere grün („begrünter / ruhiger Weg“), andere fett blau („Flaniermeile“). Jetzt frage ich mich bei so strikten Einteilungen natürlich immer, ob es denn keine Mischungen zwischen den dreien gibt? Die fett blau gepunktelte Flaniermeile „Hauptallee“ im Prater etwa wäre doch in Grün passender, aber in ihrer Markierung unterscheidet sie sich in nichts von der Kärntner- oder der Mariahilferstraße… Also ich weiß nicht, ob ich meine Routen nach diesen Pünktchenwegen ausrichten würde, um so Wien zu Fuß zu entdecken.

Wie gesagt, ich bin eine dem Zu-Fuß-Gehen sehr zugeneigte Person. Dazu brauche ich eigentlich selten mehr als die Kraft, den inneren Schweinehund zu überwinden und mir Schuhe anzuziehen. Eine Karte habe ich nicht mit, auch wenn ich mich regelmäßig verlaufe. Das ist meine Art, neue Ecken kennenzulernen.

Ich finde die Idee des Zu-Fuß-Gehens grundsätzlich sehr schön. Ich frage mich nur, ob diese Karte das Beste ist, das man dazu beitragen konnte. Oder ob sie nur das Erste war, das da jemandem eingefallen ist.