#29 Der Naschmarkt

Der Wiener Naschmarkt hieß nicht immer Naschmarkt, diesen Namen trägt „erst“ seit 1820 – zumindest inoffiziell. Offiziell wurde der eigentlich „Kärtnertormarkt“ heißende Markt 1905 zum Naschmarkt. Und ganz eigentlich lag der Markt damals auch noch am Karlsplatz und musste in der Zwischenzeit mehrmals umziehen, bis er seine ständige Bleibe zwischen Rechter und Linker Wienzeile, Novomatic-Forum und Kettenbrückengasse fand.

„Was es am Naschmarkt nicht gibt, brauchen Sie nicht“, heißt es etwas großspurig, aber was Essen und Getränke angeht (und Geschirr und Küchenutensilien und Kleidung und …) kann man da tatsächlich nicht widersprechen. Man hat auch genügend Auswahl bei 123 fixen Marktständen und weiteren 35 Standplätzen. Das sind genügend Stände um einen manchmal das Gefühl eines Spießrutenlaufs zu geben (mir zumindest), wenn einem von links uns rechts zugerufen wird, ob man nicht probieren will oder dass man hier sicher die günstigsten XY (Fladen, Cashewkerne, Karotten, Schlapfen, …) bekommt. Was ich noch nicht versucht habe – was aber wahrscheinlich funktioniert – , ist sich von vorne bis hinten einfach mit Kostproben durchzuessen, um dann am Ende satt auf ein Bett zu fallen (das müsste man allerdings noch einrichten). Was ich hingegen schon ausprobiert habe, ist diverses Essensgut vom Naschmarkt nach Hause zu tragen. Das hört sich jetzt wenig spektakulär an, weil das macht man nunmal für gewöhnlich, wenn man auf einen Markt geht: Dinge kaufen und nach Hause tragen, um sie dort zu verkochen. Wenn es sich beim Essensgut allerdings um einen 10-Kilo-Reissack handelt, bekommt das Ganze eine etwas andere Dimension. Das ist nämlich tatsächlich ein einziger großer Sack, der natürlich in keinen Rucksack hineingeht. Und da ich mir sicher nicht und unter gar keinen Umständen so ein kariertes Transportwägelchen für Einkäufe zulegen werde, sind 10-Kilo-Reissack-Transporttage durchaus eine Herausforderung.

Am Kopf getragen ist der Sack unangenehm, aber nicht soo unangenehm wie man denken würde. Allerdings hält sich der Reissack dabei nicht wirklich gerade und hängt mehr wie ein hm ja halt wie ein Sack voller Reis links und rechts herunter. Aber wie gesagt. Auf die Dauer doch eher unangenehm. Den Sack auf einer Schulter zu tragen funktioniert eher schlecht und führt mit Sicherheit zu bleibenden Haltungsschäden. Außerdem braucht man am Gehsteig zweimal so viel Platz links und rechts wie normal, weil man das Gewicht mit einer starken Schräglage ausgleichen muss. Den Sack auf dem Rücken zu tragen, mit den Händen nach hinten, wäre denkbar, aber der Platz ist vom Rucksack mit den anderen guten Essenssachen besetzt. Bleibt nur vorne. Was einem nach spätestens fünf Minuten das Gefühl einer ungewollten Armverlängerung beschert. Aber wozu gibt es die Wiener Linien. In der U-Bahn und in der Straßenbahn bekommt der Sack seinen eigenen Sitzplatz (ob er eine eigene Fahrkarte dazu braucht habe ich bis jetzt noch nicht eruieren können, aber solange andere Menschen ihre fahrbaren Heizkörper ohne eigene Fahrkarte im Schlepptau haben, denke ich nicht daran, eine für den Sack zu lösen). Und zu Hause hat der Sack seine eigene kleine Ecke, wo er darauf wartet, tassenweise erleichtert zu werden.

Man könnte jetzt natürlich einwenden: Wozu überhaupt 10 Kilo Reis? Aber 10 Kilo sind ein guter Jahresvorrat, das Ganze ist mit einer einzigen (armverlängernden) Fahrt erledigt und der Reis ist wirklich hervorragend. Man braucht beim Kochen auch kein Salz, weil er einen wunderbar feinen Eigengeschmakt hat. Und im 10-Kilo-Sack ist die Sache natürlich günstiger.

Übrigens ist unser Reisvorrat gerade ausgegangen.

Meine Arme sind dagegen.

Aber ich bin dafür.

 

#28 Die Fußwegkarte

Es gibt eine „Fußwegkarte Wien 2017“. Die genaue Jahreszahl suggeriert, dass die Gehsteig-Infrastruktur in Wien offensichtlich einem raschen Wandel unterliegt. Persönlich ist mir das bisher (von Baustellen, die einen auf den Fahrweg schicken abgesehen) nicht aufgefallen, aber das liegt wohl daran, dass ich in eher trägen Bezirken unterwegs bin, die es nicht so gerne sehen, wenn Trottoirs abhanden oder hinzu kommen.
Zusätzlich zur Karte gibt es nicht nur eine App („mit vielen Funktionen!“), die ein Schrittzähler mit Navi-Funktion sein dürfte, sondern auch ein „Zu-Fuß-Gehen-Service“, einen Spaziergang-Kalender (?) und eine Wunschbox, wenn man „Anliegen zum Zu-Fuß-Gehen in Wien“ hat – alles betreut  von der Mobilitätsagentur Wien (kein Scherz, die heißen tatsächlich so).
Jetzt bin ich eine dem Zu-Fuß-Gehen zugeneigte Person und sollte somit doch zur Zielgruppe dieser Karte, der diversen Apps und der Wunschbox zählen. Aber. Aber!

Auf der Homepage www.wienzufuss.at steht:

„Entdecken Sie die Stadt mit neuen Augen, als wären Sie als TouristIn unterwegs. Bewundern Sie Kunst im öffentlichen Raum, tauchen Sie ein in Wiens interessanteste Einkaufsstraßen, sparen Sie Zeit, indem Sie versteckte Durchgänge nützen. Lassen Sie sich zu längeren Ausflügen auf Stadtwanderwegen verführen. Die Karte berücksichtigt auch die scheinbar unwichtigen Bedürfnisse während eines Fußweges: Wen der Durst plagt, findet man den nächsten Trinkbrunnen, wer seine Schuhe verschlissen hat, findet den nächstgelegenen Schuhmacher. Und öffentliche WC Anlagen dürfen ebenfalls nicht fehlen.“

Ich kenne die Stadt mittlerweile schon ein wenig und entdecke sie auf der Karte mit neuen Augen. Zuerst zu den Stadtwanderwegen: Ich bin Fan, ich mag diese kleinen Wanderrouten. Aber es muss (meiner Meinung nach) wohl eher frustrierend sein, sie mit der im Maßstab 1:35.000 angelegten Karte absolvieren zu wollen. Hier fährt man deutlich besser mit den größeren Karten und Wegbeschreibungen, die man sich vom Magistrat zuschicken lassen kann (Stadtwanderwege). Ich rate energisch von der Fußwegkarte ab, das kann nicht gut gehen. (Wer Einwände oder andere Erfahrungen hat, möge mir bitte widersprechen.)

Zu den weiteren Highlights: WC-Anlagen, Schuster und Trinkbrunnen. Die WC-Anlagen der U-Bahnen sind nicht eingezeichnet – obwohl sie doch am schnellsten zu finden sind. Die wenigen Schuhmacher, die ich kenne, haben kein Schuh-Piktogramm bekommen – nach welchen Kriterien ist man da vorgegangen? Und im Augarten scheint kein einziger Trinkbrunnen auf, was nicht stimmt, ich weiß zumindest von einem gleich beim Eingang Ecke Gaußplatz. Und ist bei der Bunkerei nicht auch einer? Und die Wege in den meistens Parks sind wenn überhaupt nur zum Teil eingetragen – nach keinen mir nachvollziehbaren Kriterien. Warum? Waren das zu viele? Sind die anderen nicht schön?
Natürlich, zwei Minuten Karte anschauen und gleich motzen und negativ sein – das kann jeder. Aber schlampige Arbeit muss nicht sein, egal wie man zur Sinnhaftigkeit dieser Karte steht. Für die Mobilitätsagentur fällt das aber wohl unter:

„Die erste Wiener Fußwegekarte ist ein „lebendiges Produkt“. Sie wird laufend weiter entwickelt und verbessert. Schreiben Sie uns, wenn Ihre Lieblingsroute fehlt, oder sich ein empfohlener Weg als unzureichend erwiesen hat. Wir freuen uns über Ihr Feedback: Wunschbox“.

Ah ja. Wenn etwas fehlt, schreiben Sie uns bitte und wenn etwas falsch ist bitte auch. Das kann eine freundliche Einladung sein, das könnte aber auch eine Generalausrede für Husch-Pfusch sein.

Was mir noch auffällt: Bestimmte Strecken sind blau gepunktelt („belebter Weg, Durchgang“), andere grün („begrünter / ruhiger Weg“), andere fett blau („Flaniermeile“). Jetzt frage ich mich bei so strikten Einteilungen natürlich immer, ob es denn keine Mischungen zwischen den dreien gibt? Die fett blau gepunktelte Flaniermeile „Hauptallee“ im Prater etwa wäre doch in Grün passender, aber in ihrer Markierung unterscheidet sie sich in nichts von der Kärntner- oder der Mariahilferstraße… Also ich weiß nicht, ob ich meine Routen nach diesen Pünktchenwegen ausrichten würde, um so Wien zu Fuß zu entdecken.

Wie gesagt, ich bin eine dem Zu-Fuß-Gehen sehr zugeneigte Person. Dazu brauche ich eigentlich selten mehr als die Kraft, den inneren Schweinehund zu überwinden und mir Schuhe anzuziehen. Eine Karte habe ich nicht mit, auch wenn ich mich regelmäßig verlaufe. Das ist meine Art, neue Ecken kennenzulernen.

Ich finde die Idee des Zu-Fuß-Gehens grundsätzlich sehr schön. Ich frage mich nur, ob diese Karte das Beste ist, das man dazu beitragen konnte. Oder ob sie nur das Erste war, das da jemandem eingefallen ist.

Zwischenruf

Nachdem ich jetzt tatsächlich den Comicstrip (der ja der eigentliche Grund war, unter www.tobewithanaquarius.com etwas zu machen) begonnen habe, werden die Montage ab jetzt an dafür reserviert. Die „99 österreichischen Ansichten“ am Freitag bleiben wie gewohnt. Die Vorbereitungen zur ComicCon laufen und brauchen Zeit – und die werde ich anstelle eines Mittwoch-Blogeintrags jetzt dorthin stecken. Bis auf Weiteres zumindest. Aber Inktober kommt ja und ich würde dieses Jahr gerne mitmachen – vielleicht geht sich das ja aus, es würde mich freuen 🙂 „Inktober“ ist eine sehr schöne Challenge, die von Jake Parker ins Leben gerufen wurde. Es kann mitmachen , wer auch immer mag: Ziel ist es an jedem Tag im Oktober eine Tintenzeichnung zu machen („inking“ nennt man im Englischen u.a. das Tuschen von Bleistiftzeichnungen und kommt aus der Comicfachsprache). Macht also 31 Zeichnungen. Wen es interessiert, kann hier mehr Infos dazu finden (und natürlich Beispiele).

Bis bald!

#27 Bücherei

Wieso gibt es jetzt, Anfang September, Schneeglöckchen im Bild? Also. Vor langer, langer Zeit… nein, eigentlich nur seit wenigen Wochen habe ich einen Ausweis für die Wiener Stadtbücherei und bin begeistert. Als Kind war ich in meiner Heimatstadt fast jede Woche in der Bücherei und habe von der Knickerbockerbande über Hanni und Nanni, Burg Schreckenstein, die Pizza-Bande und Asterix alles gelesen. Später kamen dann das Spektrum der Wissenschaft, Wolfgang Hohlbein und Stephen King dazu, und beim Ausleihen habe ich immer gehofft, dass mich kein Bibliothekar oder keine Bibliothekarin über die Brille hinweg ansieht und sagt, dass das wohl noch nichts für mich wäre. Weil die Bücher standen nämlich in der Erwachsenen-Abteilung und ich war mir nicht sicher, ob ich die überhaupt ausleihen durfte. Jaha, unglaublich aufregend. Eine Bibliothekarin hatte übrigens eine blaues und ein braunes Auge – faszinierend! Aber ich habe mich nie getraut länger hinzuschauen.

Irgendwann, mit ca. vierzehn (?), bin ich nicht mehr hingegangen. Unter anderem wegen einer neuen Aushilfe. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich habe nicht verstanden, wieso man einen Menschen, der offensichtlich so wenig weiß, in einer Bibliothek arbeiten lässt. Weil ich es gewohnt war, dass alle anderen hier so viel wussten. (Das war übrigens meine erste Begegnung mit einer Germanistik-Studentin, aber offensichtlich habe ich mich bei der Inskription an der Uni später nicht daran erinnert, sonst hätte ich wohl ein anderes Fach gewählt.)

Das erste Mal, als ich sie gesehen habe, hatte sie ein Sträußchen Blumen in der Hand. Ich bin zum Schalter und wollte meine Bücher ausborgen. Sie hat versonnen auf die Blumen geschaut und mich dann gefragt, ob das Schneeglöckchen wären. Es waren Frühlingsknotenblumen und ich war konsterniert: Wie konnte man denn bitte Frühlingsknotenblumen mit Schneeglöckchen verwechseln? Das mit dem Ein- und Ausbuchen war auch unglaublich schwierig. Das hat gedauert. Und die Zeit, die das gedauert hat, hat sie mit neugierigen und indiskreten Fragen gefüllt. Ich war einsilbig und höchst irritiert. Was machte diese Frau da? Meine Oma hat damals ebenfalls gemeint, dass die Neue in der Bücherei wohl nicht zu den Hellsten gehöre, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, mit welcher Bemerkung sie die aus der Fassung gebracht hat. Glücklicherweise hatte „die Neue“ keine Vollzeitstelle. Bei unserer nächsten Begegnung, sie lackierte sich gerade die Nägel (während der Arbeit!), hat sie mich gefragt, ob ich denn schon einen Freund hätte. Ich stand da mit einem Stapel Bücher, unter anderem einem Buch über Toxikologie (das ich mir schon mehrmals ausgeborgt, aber nie gelesen hatte, ich fand nur das Thema unheimlich spannend) und war mehr als peinlich berührt. Bitte? Was war denn das für eine Frage? Nein! Aber – kurzes Gedankenspiel – was wenn ja? Hätten wir dann über Beziehungen zu plaudern begonnen? Hätte sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt? Ahhh! Ich wollte doch nur Bücher ausleihen! Aber – ich wünsche ihr alles Gute. Und wer weiß. Vielleicht hat sie ja doch noch irgendwann zu lesen begonnen.

Jedenfalls habe ich jetzt wieder einen Büchereiausweis. Und muss mich überhaupt nicht mehr mit den Menschen am Schalter beschäftigen, denn wenn man will geht das alles elektronisch. Zurückbringen, ausborgen – alles wunderbar. Wobei, ich mag Bibliothekare und Innen ja. Nur dieses eine Exemplar war ein Sonderfall, der wohl auch nicht lange dort geblieben ist. Ich glaube, Bücher riechen Ignoranz und fressen einen einfach auf, wenn niemand hinschaut.

Vurt

Man steckt sich Federn in den Mund, um in eine andere Welt einzutauchen: Hört sich schräg an, ist aber nur die erste einer ganzen Reihe von schrägen Ideen, mit der man in „Vurt“ von Jeff Noon konfrontiert wird. Der 1993 veröffentliche Sci-Fi-Roman ist wild. Ich kann auf die „Three Vurt Feathers“ am Ende (drei zusätzlich angehängte Geschichten) gerne verzichten, aber nicht auf die wenigen Wochen, die man mit Scribble und den Stash Riders verbringt.