#19 In der Trafik

Das Wort „Trafik“ stammt vom italienischen traffico ab, man ‚handelt‘ also mit Waren. Genauer gesagt, man handelt mit Waren unterschiedlicher, aber nicht beliebiger Art. Zum Grundeinkommen jeder Trafik gehört der rauchende Mensch, denn Zigaretten, Zigarillos und Zigarren können in Österreich nur in der Trafik zum eigentlich normalen Preis erworben werden, überall sonst kommt ein mindest 10%iger Aufschlag hinzu. Außer es gibt in der Gegend keine Trafik, dann können auch andere Läden oder Lokale eine Genehmigung bekommen, Tabakwaren zum günstigeren Preis zu verkaufen. Spannend. Als Nichtraucherin wusste ich das alles nicht. Ich bin auch sehr selten in der Trafik, muss man sagen. Für mich ist es ein kurioser Ort mit immer sehr eigener Atmosphäre, die irgendwo zwischen Bedürfnisbefriedigung (Zigaretten und Magazine), der Hoffnung auf das große Geld und Schlagzeilen aus der ganzen Welt angesiedelt ist. Hinzu kommt die meist nach altem Rauch riechende Luft. Oft wird man das Gefühl nicht los, es würde in den Räumen der Trafik seit Jahrhunderten gequalmt – selbst wenn niemand da ist, der raucht. Dazu gesellt sich die vage Vermutung, dass es – egal welche Trafik man betritt – immer dieselben Damen und Herren sind, die einen mit wahlweise quäckender oder schnarrender Stimme bedienen. Die Herren tragen Halbglatzen, die Damen Schneckerlfrisuren, rot lackierte lange Fingernägel und zu knallige Lippenstifte.

Als Kind wurde ich manchmal in die Trafik geschickt, um die Zeitung zu holen oder einen Lottoschein aufzugeben. Die Trafik in der Nähe vom Bahnhof meiner Heimatstadt war relativ groß, hatte eine riesige Zeitschriftenauswahl und roch nach besagtem jahrhundertealtem Zigarettenrauch. Der Trafikant war Invalide und povelte (=rauchte) ununterbrochen und bei ihm standen meist zwei oder drei andere, ebenfalls rauchende ältere Herren. Ich fand das alles immer furchtbar unangenehm. Einmal war ein Kunde vor mir, der mit einem Brieflos 50.000 Schilling gewonnen hat, hallali, da ging es rund, es wurde auf Schultern und Schenkel geklopft. Und ich habe auf die Brieflose geschielt und mir ausgerechnet, wieviel Geld ich denn mithatte, um auch ein so tolles Los zu ziehen. Leider nicht genug. Wenn ich dann doch mal Geld hatte, habe ich es manchmal für Panini-Sticker ausgegeben – auch wenn ich nie ein dazu passendes Album hatte.

Neben Stickern, Lottoscheinen, Brieflosen, Zigaretten und Zeitschriften gibt es in jeder gut sortierten Trafik aber natürlich auch noch Trivialromane. Ich wollte vor ein paar Wochen einen besorgen (aus rein wissenschaftlichen Gründen) und musste vier Trafiken abklappern, um endlich eine „Julia“ zu finden. Dafür habe ich gleich „Julia Extra“ bekommen, vier Romane in einem Band:

Und als ob das nicht peinlich genug gewesen wäre, ruft die Verkäuferin durch den ganzen Laden hörbar: „Jaja, einmal ‚Julia‘, das wärn dann seks Eiro zwanz’g.“

Man kann das Ding aufschlagen, wo man will, man kommt zu grandiosen Szenen mit wahllos darübergeschütteten Adjektiven. Beispiel:

„Pinz ‚Luc‘, der von einer wunderschönen Mittelmeerinsel stammte, nahm es mit seinem olivfarbenen Teint, seinen leuchtend blauen Augen und dem dichten schwarzen Haar an Attraktivität mit jedem Hollywoodstar auf, doch er ließ Amber völlig kalt. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, denn schließlich hatte sie mit den wechselnden Partnern ihrer Mutter einen gut aussehenden Fiesling nach dem anderen kennengelernt.“

Ich glaube das Wort „Fiesling“ habe ich das letzte Mal bei der Knickerbocker-Bande gelesen.