#15 Wartezimmer

Wartezimmer. Das klingt nach „auweh, mein Kreuz“, lässt einen automatisch an das eigene Alter denken und sich fragen, ob man jetzt in eben „diesem“ Alter angekommen ist, in dem man regelmäßig die Arztpraxen der Umgebung heimsucht. Doch eigentlich waren es nur zwei Routineuntersuchungen, die mich zur Labordiagnostik und dann zur Zahnärztin getrieben haben. Zum Labor: Ich musste Blut abnehmen lassen, vor mir an der Rezeption eine ältere Dame, die der Sprechstunde ein Plastiksackerl hinlegt. Diese packt eine Frischhaltebox aus und stutzt und ihre Augen werden größer. Es entspinnt sich folgender Dialog:
„Das ist ja in Natur.“
„Na wissens, wenn ma da Doktor ned gsagt hätt, dass I was mitnehmen soll, dann hätt ich das auch nicht mitgenommen.“
„Da müssen wir erst oben nachfragen, ob das so geht.“
Es wird nachgefragt. Zu Fuß. Ein paar Minuten später:
„Die Kollegin hat gemeint, sie können es umfüllen.“ Der Dame wird ein Plastikbecher mit kleiner Schaufel in die Hand gedrückt. Diese ist bestürzt und den Tränen nahe:
„Aber i kann nimmer…“
„Nein, nein, Sie müssen es nur umfüllen!“
„Asso…“
In der Zwischenzeit entsteht im Wartezimmerbereich Unruhe, durch die offene Türe dort wurde offensichtlich jemand aufgerufen. Eine Dame, vielleicht um die 40, springt auf und – anstatt zur Türe zu gehen und dort nachzufragen – läuft zur Rezeption (nennt man das so?): „Entschuldigung, welche Nummer haben sie gerade aufgerufen?“
Dort ist man verwirrt, geht zu einer zweiten Türe, die in die Praxisraum führt, fragt nach dem Namen der Patientin, und wendet sich dann wieder der Frau zu: „Frau XY.“
Die Frau hakt nach: „Welche Nummer?“
Die Sprechstundenhilfe blickt sie irritiert an, eine zweite springt ein: „Nummer Eins.“
Die Frau, skeptisch, ruft: „Nummer Eins?“
„Ja, Nummer Eins.“
„Nummer Eins. Das bin ich!“
Damit betritt sie den Untersuchungsraum.

Ich bin dann leider sehr schnell drangekommen.

Die Zahnarztwartezimmergeschichten sind leider völlig unspektakulär, meine Zahnärztin strukturiert ihre Termine so gut, dass man oft alleine dort sitzt bzw. sehr schnell zum Röntgen genötigt oder in einen der Untersuchungsräume umquartiert wird. Zudem herrscht in Zahnarztwartezimmern ohnehin oft einer eher angespannte Stimmung, man überlegt still und für sich, was nicht gleich für schreckliche Dinge passieren könnten – da neigen die Leute dann nicht zum Geschichten erzählen. Dazu der typische Geruch… Naja. Alles nicht so anregend. Dafür ist bei der Ärztin, zu der ich gehe, alles sehr neu, sehr modern, sehr glatt. Die Rezeption ist ein großes weißes Halboval, in dessen Mitte die Sprechstundenhilfe sitzt. Das Oval leuchtet im unteren Bereich und wechselt stetig seine Farbe, den ganzen Regenbogen durch. Man muss vielleicht dazusagen, dass es sich auch um eine Kinderpraxis handelt. Sitzt (bzw. liegt) man im Zahnarztsessel, sieht man über sich einen in die Decke eingelassenen Bildschirm, der „Findet Nemo“ in Endlosschleife spielt. Ohne Ton. Zumindest war das bis jetzt so. Dieses Mal wurde ich enttäuscht, es lief ein Film mit Pinguinen. Wieso sie Nemo wohl abgesetzt haben? Haben sich die Verlustängste des Vaters auf das Zähneziehe übertragen? Ist Bohren schlimmer, wenn man gerade einen Ausflug in ein Seeminenfeld macht? Jetzt hat der Pinguin sich einen Seeigelstachel eingetreten und ist umgefallen. Mal sehen, wie lange es der Film macht.