#10 Café Ritter

Allein aufgrund des Namens musste ich ja mal dorthin. Und erfahre bei einer kurzen Recherche zuvor, dass das Café Ritter in der Ottakringerstraße, Ecke Lambertgasse, erst Ende letzten Jahres, Dezember 2016, renoviert und neu eröffnet wurde. Glücklicherweise, denn bis dahin hatte es so ausgesehen, als würde das heruntergewirtschaftete und heruntergekommene Eckcafé wohl zusperren. Ich bin froh, dass es das nicht getan hat, es ist ein gemütlicher und heller Ort mit hohen Räumen – und freundlicher Bedienung (?!). Ich bekomme einen Grüntee (Gunpowder „Temple of Heaven“ – „zwei Minuten ziehen lassen, bitte“) und ein in Cellophan eingeschlagenes Stück Torte („Ritter“, Minze und Schokolade, inklusive kandiertem Minzblatt, das vor lauter Kristallen kaum mehr als solches zu erkennen ist). Ich bin sehr zufrieden mit der Wahl, auch farblich (grüne 2-Minuten-Sanduhr, grünes Stück Kuchen, Grüntee, vor dem Fenster parkt ein jaguargrüner Mini). Habe ich erwähnt, dass ich Grün ziemlich gut finde?

Ich sehe mich um. Zwei runde Tische in der Mitte sind offensichtlich Spieltische, sie haben zusätzliche Beistelltische zwischen den Stühlen. An der Wand zeigen drei große Fresken einen Locus amoenus, eine Parklandschaft mit Damen in Kleidung von um 1800. Zwei der Damen stehen an einem Bach und füttern Tauben (oder werden von ihnen angefallen, so genau lässt sich das nicht erkennen), rechts zeigt ein Pärchen auf die Tauben-Szene, links sieht man weitere Damen, die ihrem Teeservice die frische Luft zeigen. Daneben hängt eine gerahmte Zeichnung, ein Portrait von Ernst Happel, mit einem Autogramm so groß wie sein Kopf. Herr Happel war hier Stammgast und wird sogar in der Menükarte erwähnt – ich kann es nicht mehr genau wiedergeben, aber sinngemäß steht da in etwa „Ernst Happel lebte und rauchte hier“. (Zitat Ernst Happel zu Hallenfußball: „Da derfst ned rauchen, des halt I ned lang durch.“)

Erst kurz bevor ich zahle bemerke ich drei Spielkarten, die an der Decke kleben: Herz Sieben, Kreuz Neun und eine Karo Dame:

Die Decke ist wohl mindestens fünf, eher sechs Meter hoch. Ich winke die Bedienung heran und frage nach. Sie meint, sie habe zwei Theorien: Entweder die Karten wurden absichtlich dort angebracht, weil darunter immer die Spieler sitzen. Theorie Nr. Zwo: „Ich habe einen Bekannten, Herrn Swoboda, der ist Zauberer. Und der kann das, der nimmt eine Karte, schnippt sie hoch und an die Decke und die bleibt oben für ewig. Und jetzt kann man sichs aussuchen, was einem besser gefällt.“

Ein sehr sympathisches Café.

Der Gschupfte Ferdl

Der Entstehungsprozess eines Bildes verläuft ja nicht unbedingt geradlinig. Am Anfang springt einen eine Idee an (vorzugsweise vor allem dann, wenn man gerade nichts zu schreiben mithat) oder sie lässt sich aus einer noch vagen Vorstellung heraus entwickeln. Am Beginn stand hier ein Wienerlied, 1952 von Gerhard Bronner getextet und komponiert. Für Bronner wiederum stand ein gewisser Ferdinand Valek am Anfang, ein Wiener Original mit 52 Vorstrafen. Für meine Illustration zu „Der gschupfte Ferdl“ (hochdeutsch „Der psychisch nicht ganz zurechnungsfähige Ferdinand“) haben mich vor allem die „grün und gellb gestreift[en]“ Socken (ja, das heißt „gellb“, mit Doppel-L) angesprungen, weil natürlich elegant und die Farben oh là là. Die Bleistiftskizzen lasse ich aus, aber es brauchte dieses Mal insgesamt drei Anläufe, um zu einem für mich zufriedenstellenden Ergebnis zu gelangen. Beim ersten Versuch hat – bis auf die Socken – überhaupt nichts funktioniert, eine etwas schlampige Arbeit. Man merkt aber bei der Kolorierung der Schuhe, dass mir das zu diesem Zeitpunkt durchaus schon bewusst war. Das Kolorieren hatte auch nur mehr den Zweck um für die nächste Zeichnung zu sehen, ob sich die Farben denn miteinander vertragen würden.

Versuch Nr. Zwo lief dann trotz Änderung der Komposition ebenfalls schief, weil ich zwischen Bleistiftzeichnung und Inking leider die Beine nicht auf ihre Geradlinigkeit hin überprüft habe. Den Ferdl dann aber mit gebrochenem linken Bein (also von ihm aus gesehen) durch die Perfektion tanzen zu lassen, konnte ich nicht über mich bringen.

Ergo folgte Versuch Nr. Drei, der sich dann als finaler herausgestellt hat. Na also. Es geht doch. Dass hier nur die Socken bunt sind, ist übrigens eine echte Entscheidung, es liegt nicht daran, dass es mich nicht mehr gefreut hätte.

Und hier Gerhard Bronner und „Der Gschupfte Ferdl“:

 

„Brillantine“. Schade, dass dieses Wort heute nicht mehr benutzt wird. Fast so schade wie das Verschwinden der „Haarfrisur“. 😀

Zwegn dem „Gellb“ wärs gewesen: Das Meidlinger L hat übrigens einen eigenen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Meidlinger_L

#9 Ostermarkt

„Willkommen bei der ÖBB“, eine Fahrt nach Wien. Schräg vor mir sitzen vier Jugendliche, zwei Mädchen, zwei Burschen, ich schätze sie mal auf ca. 17 Jahre. Sie unterhalten sich u.a. darüber, wie verwirrend das Wort „davorstehend“ sein kann, wenn man es aus der Sicht von Wörtern im Satz betrachtet und es dann ja auch das nachstehende Wort meinen kann, weil das ja quasi dann vor dem Wort steht (also wenn das eine Wort das folgende Wort ansehen würde). Offensichtlich wurde einer der Buschen dafür gerügt, dass er die Sache falsch (also aus Sicht des Wortes) verstanden hat. Mit virtuoser Rhetorik kann er alle anderen drei davon überzeugen, dass er Recht hat („Ein Satz ist wie ein fahrender Zug – da ist ja auch dort vorne vorne.“). Jahaaa… Sie wechseln das Thema, es geht jetzt um die Schlümpfe:
Bursche 1: „Ich hab mal gehört, Gargamel ist ein Jude.“
Mädchen 1: „Waaaas?“
Mädchen 2: „Psssst!“
Bursche 1: „Ja, dass er alles erfüllt, wie man sich vorgestellt hat, dass Juden so sind.“
Bursche 2: „Nein, das stimmt nicht. Er hat ja eine Katze, ein Haustier kostet ja was.“
Mädchen 2: „Und die Schlümpfe sind die Nazis.“
Mädchen 1: „Alle gleich!“
Bursche 2: „Genau, alle blau und blond!“
Den Rest der Zugfahrt war ich damit beschäftigt meine erstaunt hochgezogenen Augenbrauen wieder herunterzuholen. Die Schlümpfe sind doch, soweit ich mich erinnern kann, belgisch und in den 60er-Jahren…? Naja, das muss ja nichts heißen. Recherchen zu Hause ergaben, dass vor ein paar Jahren tatsächlich ein französischer Wissenschaftler namens Antoine Buéno diese These vertreten hat: Die Schlümpfe sind eine reinrassige Gesellschaft (wobei – mit wem sollten sie denn sonst…? Bei der Größe…?), Papa Schlumpf ist der Diktator, die blonde Schlumpfine das arische Idealbild (*), etc. Ein launiger Artikel der Presse dazu aus dem Jahr 2011, dem ich diese Informationen entnehme, kommentiert die Aussage, Gargamel sei „eine antisemitische Karikatur“ damit, „dass Gargamel eher aussieht wie Erwin Pröll, wenn er länger nicht beim Friseur war“. Ein Bild, das man auch nicht so schnell wieder los wird.

Übrigens hat sich gegen Ende der Zugfahrt herausgestellt, dass ich mit der Alterseinschätzung etwas daneben lag. Es handelte sich um Ethnologie-StudentInnen.

And now to something completely different:

Der Altwiener Ostermarkt. Ich besuche den Altwiener Ostermarkt / Weihnachtsmarkt ja vorrangig, um dort Scheibbserkugeln zu kaufen (und im Winter mal einen Glühmost). Scheibbserkugeln sind so gut, dass es eigentlich schon fast eine Frechheit ist. Sie bestehen aus zwei Haselnussmakronen, die mit Haselnusscreme zusammengepappt werden, einer Marzipanhülle und dann werden sie noch in Schokolade getunkt. Glücklicherweise haben die Leute am Stand der Konditorei Reschinsky immer einen guten Vorrat parat. Nachdem der Scheibbserkugel-Kauf erledigt war, habe ich mich auf andere Dinge konzentriert: Ostereier, wohin das Auge reicht. Auf der Suche nach einem Motiv für diese Woche habe ich sie mir dieses Jahr tatsächlich auch angesehen. Was es nicht alles gibt. In Schwarz und Gold, mit Häschen-Motiven und Schmetterlingen, mit Häschen aber ohne Schmetterlinge, Blumen überall, mit Perlen, ohne Perlen, mit Glitter in allen möglichen und unmöglichen Farben und natürlich in Pastell:

Naja. Da sind mir die Scheibbserkugeln dann doch lieber.

 

Der Link zum Presse-Artikel über die Schlümpfe: http://diepresse.com/home/meinung/pizzicato/669750/Die-Schluempfe_Nazis

Der Link zur Konditorei Reschinsky: http://www.reschinsky.com/

(*)Man erinnere sich an den Witz, wie ein echter Arier aussehe: Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring und blauhäutig wie Eva Braun.

Dante Alighieri: La Commedia

Ich glaube, es war letzten Oktober in San Gimignano in der Toskana, als in einer etwas abgelegenen Ecke – von welcher eine Treppe hinunter und ein schmaler Weg nach rechts in einen kleinen Park führte – ein Mann in Leinenhemd und altrosa Gewandung eine ebenfalls altrosa Linnenmütze aufsetzte. Er ähnelte Dante, wie er von Domenico di Michelino in der Kathedrale von Florenz, der Santa Maria del Fiore, in einem Fresko dargestellt ist:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/58/Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg/1024px-Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg

Der Mann, der im Profil eine scharfe Nase zeigte, positionierte sich und fing an, mit großen Gesten und gewaltiger Stimme auf Italienisch aus der „Commedia“ vorzutragen. Nachdem er geendet und wir applaudiert hatten, verständigten wir uns ein wenig mit Händen und Füßen (meine Italienischkenntnisse beschränken sich hauptsächlich aufs Essen). Er zeigte uns daraufhin eine sehr alte Ausgabe der „Commedia“ und wir durften mitlesen, als er den ersten Gesang der „Göttlichen Komödie“ vortrug. Hier ein kurzer Auszug auf Deutsch:

„Da plötzlich, fast noch am Beginn der Anhöhe,
eine Pantherkatze, sehr geschmeidig und flink,
die mit geflecktem Fell bedeckt war;
und ging mir nicht mehr vor dem Gesicht weg,
verstellte mir vielmehr derart den Weg,
dass ich mich unverwandt zur Umkehr wandte.
Es war die Zeit beim Anbruch des Morgens,
und die Sonne stieg auf in den Sternen,
die mit ihr waren, als die göttliche Liebe
diese schönen Dinge zum ersten Mal bewegte.
So gaben mir Tagesstunde und sanfte Jahreszeit
eigentlich Anlass, Gutes zu erhoffen
von diesem Wildtier mit dem gesprenkelten Fell.
Nicht so sehr indessen,
dass mir nicht der Anblick eines Löwen,
der sich mir auftat, Furcht einjagte.
Dieser schien auf mich zuzukommen
mit erhobenem Haupt und mit wütendem Hunger,
sodass die Luft vor ihm zu erbeben schien.
Und eine Wölfin, die in ihrer Magerkeit
mit allen Arten der Gier beladen schien
und schon vielen Leuten das Leben elend gemacht hatte,
die schuf mir solche Bedrückung mit der Angst,
die von ihrem Anblick ausging,
dass ich die Hoffnung auf die Höhe verlor.“ (Erster Gesang, 31-54)

„Die drei Bestien werden gewöhnlich gedeutet als Allegorien der Wollust, des Hochmuts und der Habsucht […]“, wobei neuere Deutungen einen Einfluss von Avicenna geltend machen und die drei Tiere mit drei verhängnisvollen Begleitern, „eine[m] Lügner[], der vorweggeht, eine[m] Zornigen zur Linken und eine[m] Habgierigen zur Rechten“, gleichsetzen. (Siehe Ausgabe S. 14, Fußnote 32)

So denn also auch hier zu dritt auftretend:

Ausgabe: Dante Alighieri: La Commedie / Die Göttliche Komödie. I. Inferno / Hölle. Italienisch / Deutsch. In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Stuttgart 2010.

Quelle für das Bild des Fresko: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg

 

 

Tigerente…

… oder goldene Gans?

Ein bisschen Nonsens heute.

Janosch ist schon super – und nicht nur für Kinder. 2012 gab es eine Ausstellung von ihm im Karikaturmuseum Krems, wo ich das erste Mal gesehen und gelesen habe, dass er auch Geschichten für Erwachsene schreibt und zeichnet. Dass sein krakeliger Stil davon kommt, dass er Angst vorm Zeichnen hatte und deswegen davor getrunken hat. Und noch ganz viele andere Dinge, über die man als Kind nicht nachdenkt, wenn man „Janoschs Traumstunde“ sieht. Seit 2013 erscheint jede Woche im ZEIT-Magazin eine kleinen Frage-Antwort-Kolumne von ihm, die ich sehr gerne mag („Herr Janosch, was sagen Sie dazu?“). Hier kann man sich einige davon ansehen: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016-09/janosch-fragen-kinderbuchillustrationen-fs

Dieser Spruch hier von ihm greift zwar vor, aber die paar Tage möge man mir verzeichen: „Ich schenke dir ein Osterei, wenn es zerbricht, so hast du zwei.“

Man muss ja manchmal auch tiefsinnig sein können.