#5 Straßenbahnhaltestellen

Das Donauzentrum. Ich war schon lange nicht mehr hier und dachte mir, das wäre doch sicher ein interessanter Ort zum Zeichnen. Zuerst bin ich etwas ziellos durch die Gänge gelaufen. Kamera vergessen. Naja. Irgendwann hatte ich genug von den ganzen Schaufenstern und es folgte die strategisch kluge Tischwahl in einem der mittig am Gang platzierten Cafes. Ich habe mich für einen Blick Richtung Rolltreppe entschieden und zur Tarnung ganz unauffällig meine Sonnenbrille aufgesetzt. Es gibt wenige Orte, an denen Menschen so schön still stehen wie auf Rolltreppen. Persönlich gehöre ich zu den Rolltreppen-Geherinnen, sowohl hinunter wie auch hinauf. Meines Erachtens nach sind Rolltreppen dazu da, um durch die Kombination von Technik und Beinen ein schnelleres Vorwärtskommen zu ermöglichen, nicht um beim Gehen Pausen einlegen und Emails checken zu können. Aber da gehöre ich zur Minderheit. In der Zeit, in der ich dort saß (einen Tee und einen Cheesecake lang), fuhren 38 Personen mit der Rolltreppe (ich habe eine kleine Strichliste angelegt). Und keine einzige davon hat sich auf der Rolltreppe auch nur eine Stufe weit bewegt. Erstaunlich. Aber praktisch, wenn man im Freiland-Zeichnen noch nicht wirklich geübt ist.

Hier ein paar schnelle Skizzen von auf der Rolltreppe herumstehende Menschen:

Eine Frau ging an meinem Tisch vorbei und ich war fasziniert: Sie war in Moosgrün gekleidet, von Kopf bis Fuß. Inklusive Strumpfhose und Schuhe. Und Jacke. Nur dazwischen, als optische Bremse quasi, ein silberner Minirock. Habe ich die 80er-Jahre Fönfrisur erwähnt? Genial! Ein echter Hingucker. Ich sollte meine Garderobe überdenken. Hier eine im Original ca. 5cm große Skizze der Dame:

Und eine Skizze der Rolltreppe:

Am Heimweg habe ich mich verfahren. Peinlich. Falscher U-Bahn-Ausgang und dann mit der Straßenbahn, die natürlich sofort gekommen ist, in die falsche Richtung. Dabei habe ich beim Einsteigen noch kurz gestutzt, weil die Oper irgendwie in der anderen Richtung zu liegen schien.

Das hier ist übrigens die Haltestelle Stubentor, Blick nach oben, weil womit beschäftigt man sich sonst, wenn man auf die Straßenbahn in die richtige Richtung wartet und kein Smartphone besitzt.

Dafür bemerkt man wenigstens die Knospen an den Bäumen.

Die breite Seite des Copic-Markers, die ich für das Blau des Himmels verwendet habe gibt einen witzigen Effekt: Sieht fast ein wenig pixelig aus, wenn man schnell hinsieht. (Auf Nachfrage hin: Nein, das ist nicht abgepaust. Pffff.)

Der grüne Kakadu

Eigentlich spielt Arthur Schnitzlers „Der grüne Kakadu“ (Uraufführung 1899) ja am 14. Juli 1789, an dem Tag, an dem die Bastille in Paris gestürmt wird. Und eigentlich passt der Stil der Zeichnung weder dazu noch zu der in einem Kellerraum angesiedelten Spelunke, die als Schauplatz des Stücks angegeben wird. Aber der Name besagter Spelunke (eben: „Der grüne Kakadu“) eignet sich hervorragend für einen an den Jugendstil angelehnten Plakatentwurf. Womit wir zurück um 1900 wären.

Viel interessanter aber eigentlich ist, was man noch so alles an grünen Kakadus findet. Etwa einen englischen Film von 1937, der „The Green Cockatoo“ heißt:

Ich möchte behaupten, dass mein Kakadu flugfähiger aussieht, bei diesem hier meint man ja er würde auf allen Vieren laufen. (Und je länger ich ihn anschaue, desto weniger verstehe ich was ich sehe – was IST das? Ein grüner Greif? Ähnlich geht es mir bei der Catchline: „She lost herself… but found murder!“ But?) Der Film spielt übrigens wie Schnitzlers Stück in der Verbrecher- und Unterwelt, bei „The Green Cockatoo“ dürfte es sich um einen Nachtclub in Soho handeln:

Das leuchtende Auge des Kakadus fällt wohl unter die Spezialeffekte der Zeit, ein hübsches Detail. Leider (?) habe ich den Film nicht gesehen, wer weiß, vielleicht handelt es sich beim Drehbuchautor Graham Greene ja um einen heimlichen Schnitzler-Fan.

Fast noch schöner als die Bilder vom Film ist dieser Ohrenschmaus von 1979 von Hildegund (Hildegund!) Harms-Carena:

„Die schöne Frieda mal ohne Mieder…“ Wild.

Weitere Hits auf ihrer Platte mit dem Namen „Die StimmungsKanone“ (sic!) sind u.a. „Ein anständiges Mädchen braucht nicht schön zu sein“, „Komm an meine Pumpe“ und „Er sieht aus wie’n kleiner Doofa“.

 

Die Bilder zum Film sind übrigens von hier:

http://filmsnoir.net/film_noir/the-green-cockatoo-uk-1937-65min-the-seeds-of-british-noir.html/

 

Zorro

Ein Freund hat mir einen Link zu einer kleinen Lesung geschickt:

(Danke, Matthias!)

Nach vielleicht zwei Minuten habe ich das Video gestoppt, bin zum Bücherregal gegangen, habe „Im Schatten der Burenwurst“ von H.C. Artmann herausgesucht und erst dann wieder auf Play gedrückt. Und ab sofort laut mitgelesen 🙂

„Wahnsinn! Mei neichs Gwaund!“, schrie er, völlig außer Fassung geratend: „Sog, bist narrisch?“

„Zorro bin ich, Rächer der Würstlmänner!“

Und das alles, weil der Herr im Nadelstreif (hier nur im Anzug) seinen eigenen Senf zur Burenwurst dazugegeben hatte, d.h. er hat laut Röhrich „ungefragt seine Meinung zu etw. [ge]äußer[t]“ und behauptet, die Wurst bestünde zu 100% aus Pferdefleisch. Wikipedia zufolge aber enthält eine Burenwurst 55% Brät (d.h. Faschiertes mit Salz und Gewürzen, wenn ich das richtig verstanden habe), 25% Speck und 20% Salzstoß (was eher weniger mit Salz denn mit Schlachtresten wie Sehnen und Muskelhäuten zu tun hat. Mjam mjam.). Kein Wunder also, dass sich der Würstelmann in seiner Ehre beleidigt fühlt und zur Flasche greift.

Die Zeichnung ist relativ schnell entstanden, eher eine Vorarbeit und vor allem das Pärchen müsste nochmal am Konzepttisch antanzen, aber mit der Dynamik des Würstlstandlers war ich so zufrieden, dass das Blatt doch den Weg auf den Blog finden durfte.

Das Zitat oben stammt übrigens aus oben abgebildetem Buch: H.C. Artmann: Zorro. In: Ders.: Im Schatten der Burenwurst. Wien 2003, S. 143.

Kitsch?

Thema des Salons im März war „Schnulzen, Schmalz, Kitsch – on the Rocks“ und hat interessante Einsichten gebracht. Kitsch ist nicht gleich Trash, zum Beispiel. Und Plakate wie dieses, die zwar durchaus im Kitsch beliebte Tiere abbilden, können auch so gar nicht kitschig sein.

#4 Haus des Meeres

Das letzte Mal war ich ich weiß nicht mehr wann im Haus des Meeres. Ist auch kein Wunder, dachte ich mir am Schalter, die Ticketpreise machen dem Tiergarten Schönbrunn Konkurrenz. Aber die elf Stockwerke des ehemaligen Flakturms sind – wenn auch jeweils klein in der Fläche – wirklich voll mit kleinen Wundern. Eine Riesenschildkröte, Haie, Krokodile, Schlangen, Spinnen, Seesterne, Anemonen, Fische, Fische und noch mehr Fische. Und nicht zuletzt ist es voller Bemerkungen von Dreijährigen („Wie geil! Hast du den Lift gesehen? Wie geil!“ – „Boah schau, der Lift!“ (???)) und halblauter Konversationen von Erwachsenen.

Zwei Kindergärtnerinnen, die inmitten ihrer Truppe ihm Cafe im 4. Stock essen: „Ich gehe jetzt auch zu einem Energetiker, und mit dem rede ich auch über meine früheren Leben.“ – „Ja, der Schwager vom Christian ist auch so einer, der nimmt einem auch so die schlechte Energie. Aber ich geh jetzt so zu einer, die versetzt dich in die REM-Phase, das heißt Rapid Eye Movment, das ist wenn du so schläfst, und die löscht dann deine schlechten Erinnerungen. Aber das geht nur einmal.“ Ich wollte schon fragen, wieso das nur einmal geht, wurde aber von einem ca. vier Jahre altem Mädchen abgehalten: „Meine Semmel ist weg!“ (Schaut groß in die Runde, keine Reaktion.) Vorwurfsvoll: „Aber ich hab doch eine Semmel gehabt?!“ (Schaut wieder in die Runde, alle anderen Kinder essen ungerührt weiter.) Mädchen schaut nochmal um sich herum. „Aha!“ Mädchen findet die Semmel, hält sie stolz in die Höhe und isst sie. Sie hatte daraufgesessen.

In einem anderen Stock klebt ein Mädchen förmlich an der Scheibe der Anacondas: „Ich finde, die Schlange ist schön!“ – Kindergärtnerin, mit zwei Meter Sicherheitsabstand (mehr geht nicht): „… Jaaa….“

Das netteste Erlebnis aber war, als zwei Mitarbeiter des Haus des Meeres vor einem kleinen Aquarium standen und mehrere Minuten lang ein Tier suchten. „Is er da hinten?“ – „Na, ich glaub das ist ein Teil von dem Stein da.“ „Ah jo. Aber dass er sich dort versteckt, da hinten?“ „Kann schon sein, aber jetzt sieht ma ihn nicht.“ „Hm. Da müssen wir nachher nochmal schauen.“ Sie standen dann noch ein wenig und haben geschaut und geschaut und sind dann irgendwann gegangen. Ich natürlich sofort hin – aber da ich nicht wusste, nach was ich denn suchen soll, entpuppte sich das Finden als schwierig und ich bin dann zum Gemeinen Perlboot abgetaucht, einem der schönsten Meeresbewohner, wie ich finde:

Der wissenschaftliche Gattungsname lautet übrigens Nautilus („Schiffsboot“) und Jules Verne nannte Käpt’n Nemos U-Boot nach diesen Kopffüßlern.

Die Farben sind ein wenig kitschig geworden, aber das spiegelnde Blau der Scheiben erwies sich als schwierig:

Once upon a time in Mexico

I rewatched the film „Once upon a time in Mexico“ (Robert Rodriguez, 2003) yesterday to come up with an idea for the coverart (already playing with the idea of Sands‘ face and the blood appearing from under his sunlgasses). The first thing that sprung to my mind was a neon sign guitar. I love this detail, appearing within the first few minutes of the film: Belini tells Sands about El Mariachi and the sign hangs in the bar the story about Mariachi takes place. It has a yellow glowing body and neck, a white ring symbolising the sound hole and a green line for the bridge. Very clean, very simple, very ‚loud‘ and bar-like, very American. Very „Once upon a time in Mexico“ 🙂 Maybe I make a second cover with it, but I couldn’t get rid of the idea with the bloody eyes.

I never saw the film in German, but I wonder how Sands‘ line „Are you a Mexican or a Mexican’t?“ is translated ^^ I can’t imagine a good replacement for it 😉

So here’s the inked cover:

And the colorised version (having a bit more of an impact):

And the details of the upper part, refering to the Dia de los muertos and the paper-flags:

Death

I think I first laid my eyes on „The Sandman“ about eight or nine years ago. After reading Volume 1, „Preludes and Nocturnes“, I was hooked and quite fast back on Amazon to order the next book. But the volumes were a quite heavy burden on my wallet, so I never could afford to get them as fast as I read them. And I didn’t knew anybody around who was interested in stuff like this… Poor me! Or, surely more to the point: Shy me. I used to walk around, shoulders hunched and silently wishing „please don’t look at me, please don’t ask me something, please don’t bother (me)“. On the streets as well as in shops. Sometimes I still catch me doing it – but only if I have a very, very, very bad day 😉

To those who don’t know her: Death is a character in Neil Gaiman’s „Sandman“. She is the older sister of Dream and her appearance captures not only the punk subculture of the 80ies, but I think with black and white as her main colours she symbolises the „either – or“ of life and death (although there are several shadow worlds and parallel worlds pictured in „The Sandman“). And like Terry Pratchett’s Death, Gaiman’s Death is quite likeable 🙂

 

#3 Eine Stunde auf der Mariahilferstraße

Ich bin im Thalia, weil ich Klarsichtfolien brauche und wende mich an eine Verkäuferin: „Ich bräuchte Klarsichtfolien in A4, haben sie welche? Ich habe gerade nur A5 gesehen.“ – Verkäuferin, barsch: „Ja, haben wir.“ Ich warte ein bisschen, aber da keine weitere Reaktion kommt, setze ich nochmal nach: „Ich habe gerade nur A5 gefunden, aber vielleicht habe ich sie übersehen oder sie haben im Lager noch welche…?“ Die Verkäuferin sieht mich an. Dann bringt sie sich doch noch in Bewegung und trottet zu den Klarsichtfolien, ich tappe hinter ihr her. Sie sieht, dass nur mehr Folien in A5 da sind, dreht sich um und sagt (barsch): „Nein. Haben wir nicht.“
Ohne mich weiter zu beachten geht sie zurück an ihr Pult. Ok. Gut. Wäre das mal geklärt. Raus aus dem Thalia also, ich bleibe stehen – wo ist hier der nächste Libro. Schwerer Fehler: Ein Keiler in roter Jacke steuert mich an und ich sage: „Nein, nein“ und (noch ein schwerer Fehler) lache dabei. Er sagt: „Mah, du schaust so nett, da will ich dich gleich was fragen“ und ich (mir fällt nichts anderes ein) nochmal: „Nein, nein!“ (Aaah! Was tun?) Ich schalte in den Panikmodus: Als er weiterreden will falle ich ihm ins Wort: „Ich bin hier nur auf Besuch!“ Er stutzt und sagt: „Ah, woher bist du denn?“ Und jetzt streift mich tatsächlich ein Geistesblitz: „Aus Passau.“ Enttäuschung macht sich in seinem Gesicht breit: „Oh, das ist dann Deutschland. Dann geht es leider nicht.“ Ich nicke bedauernd. Seine Kollegin kommt rüber: „Ärgerst du ihn eh nicht, das ist nämlich ein Lieber“ und zieht ihn am Ohr. Er sagt zu ihr: „Sie ist auf Besuch da, sie wohnt in Passau.“ Sie schaut ebenfalls enttäuscht und wir verabschieden uns.
Beim Weggehen übe ich in Gedanken meinen bayrischen Akzent, den ich knappe 300 Meter später auch gleich ausprobieren kann, als eine weitere rote Jacke auf mich zusteuert: „Hey du, du schaust so freundlich“ (merke: ich muss mir einen anderen Gesichtsausdruck zulegen). Jetzt bin ich aber schon in Fahrt: „Ah, wie nett, gerade habe ich mit Kollegen von dir geredet, ich bin auf Besuch da, aus Passau, und sie haben gesagt, dass das dann leider nicht geht.“ Er ist etwas überfahren, nickt aber verständnisvoll und wünscht mir einen schönen Tag. Ich flüchte mich in die Anonymität einer Seitenstraße, die Barnabitengasse:

Und da, endlich! Zwar keine Klarsichtfolien, aber ein Unterschlupft: Der Comic-Treff 🙂
PS.: Ich weiß noch immer nicht, was mir die roten Jacken eigentlich verkaufen wollten.
PPS.: Ein Schulkollege hat Keiler mit den Worten abgeschmettert: „Nein danke, ich bin schon Baumpate.“ Auch einen Versuch wert beim nächsten Mal.

Habt ihr auch eine gute Strategie? Immer her damit!