#78 Mittelalterfest Eggenburg Teil 1

Der Zug, der uns um halb 12 von Wien nach Eggenburg bringt, ist voll und man sieht bereits einige Gewandete. Nicht falsch verstehen: Alle Zugpassagiere haben etwas an, nur manche sind bereits im mittelalterlichen Outfit unterwegs. Kein Wunder, denn in Eggenburg findet an diesem sonnigen Septemberwochenende ein Mittelalterfest statt – und zwar das größte Österreichs. Etwa 30.000 Gäste besuchen das Fest jährlich, und da Eggenburg normal nur etwa 3500 Einwohner hat, ist das schon eine ziemlich ordentliche Besucherzahl. So ist dann auch ein guter Teil der Bewohner aktiv dabei oder verdient etwas daran: Die Buchhändler, die Lokale, das Café, der Bastelladen und weitere Geschäfte haben das ganze Wochenende geöffnet, ihre Lokalflächen durch Tische und Bierbänke nach außen hin erweitert und die Mitarbeiter wurden ebenfalls in mittelalterlich aussehende Gewänder gesteckt. Jemand erzählt mir, dass an diesem Wochenende ungefähr so viel eingenommen wird wie sonst in zwei Monaten.

Das Programm ist dicht: Zweimal täglich findet auf der Kanzlerwiese ein Turnier statt, bei dem vier Ritter zuerst in Exerzitien gegeneinander antreten (d.h. mit dem Schwert Äpfel von einem Pfosten herunterschlagen, einen Sack aufspießen, etc.), um sich am Ende in der Tjost, dem berittenen Lanzenkampf, zu messen. Kommentiert wird das alles von einem Mann mit schulterlangen, glatten blonden Haaren, den ich mir auch gut als Animateur in einem Ferienclub vorstellen könnte. Auch wenn das Publikum gegen ihn war, gewinnt am Ende der Habsburger und wird als neuer Herrscher ausgerufen. Zumindest bis zum nächsten Turnier. Dann dürfen die Kinder nach vorne an die Absperrung gehen, die vier Ritter gehen mit ihren Pferde eine Runde und klatschen (naja, „streifen“ trifft es wohl eher) die ihnen entgegengestreckten Hände ab und lassen die Kinder die Pferde genau in Augenschein nehmen. Sehr nett. Und nicht nur Kinder stehen da, auch eine ältere Dame, die sich sehr freut, dass die Ritter auch ihre Hand nicht übersehen. Die Gruppe Dreynschlag, eine Schwertkampftruppe, tritt ebenfalls auf der Kanzlerwiese auf, aber die habe ich versäumt. Es gibt viel zu viel zum Ansehen! Die Bogenschießplätze zum Beispiel, das Beil-Werfen oder die Lagerplätze und Zelte, wo Ritter und Damen auf Strohballen sitzen und Bier trinken, Musikgruppen und Tanzvorführungen. Wohin als nächstes?

Um 17 Uhr höre ich mir einen Vortrag an: „Wer wohnt am Rande der Welt?“ Es geht u.a. darum, dass man auch im Mittelalter schon wusste, dass die Erde eine Kugel war, nur Abbildungen auf ebenen Flächen wie Pergament und Papier eben immer – auch heute noch – flach sind. Danach gibt es noch einige Fragen und Anmerkungen, u.a. von einem Mann, der zwei weiße Hunde (die wie Eisbären aussehen) mithat. Er meint, dass es ja noch immer keine Beweise für die Erdkrümmung gäbe. Öm. Die Vortragende meint später, man denke sich ja immer, das sind nur Leute in den USA, die solche Meinungen vertreten. Aber nein. Es gibt sie auch am Mittelalterfest in Eggenburg.

Langsam bekomme ich Hunger. Ich entscheide mich für Kässpätzle und stelle mich an. Das geht ruck-zuck, und ich spekuliere, ob die bairischen Köche da hinter der Theke wohl Oktoberfesterfahrung haben? Im Nu bin ich dran, mein Geld los und während ich noch nicht mal meine Portion in die Hand genommen habe, wird der nächste schon bedient.

Ich wandere auf dem Markt herum, es wird kühler. An den Ständen bekommt man Bier, mir ist aber im Moment mehr nach Tee. Ich suche ein Café und frage eine Frau, die eben aus der Küche gekommen ist, ob denn drinnen denn auch Betrieb sei? Die Frau sieht mich groß an. Und sagt nichts. Leicht irritiert wende ich mich an eine Bedieung. Ja, natürlich. Alle sehen ein bisschen gehetzt aus. Ich bestelle Tee und zwei Mini-Kokoskuppeln. Ich bekomme Tee und eine große Kokoskuppel. Naja. Fast. Ein gewandetes Paar kommt direkt zu der kleinen Ecke, wo die Getränke zubereitet werden. Ob sie zwei Bier haben können? Die Bedienung murmelt etwas, offensichtlich eine etwas genervte Zustimmung. Das dürfte nicht der Ort sein, an dem Bestellungen aufgenommen werden, aber sie macht es. Zuerst macht sie aber eine Tasse Kaffee. Die Frau fragt (und ist plötzlich per Du): „Machst du jetzt unser Bier oder nicht?“ – Kellnerin: „Ja, aber ich muss voher noch die Bestellungen machen.“ – Frau: „Nein, ich will dich wirklich nicht stressen.“ Und nachdem die Kellnerin nicht darauf reagiert, sagt sie noch einmal: „Nein, ich wollt dich voll nicht stressen. Ich hab auch mal als Kellnerin gearbeitet.“ – Mann: „Waßt eh, ich bin der Lord und das is mei Prinzessin.“ – Frau: „Na, ich war nämlich auch mal Kellnerin. Und meine Mutter auch. Der geht’s jetzt gesundheitlich soo schlecht deswegen.“ Pause. Die Frau setzt nach: „Na, mach wirklich was anderes, weil da stehst den ganzen Tag.“ (In den Augen der Kellnerin sieht man ein „Nein, wirklich?“) – Mann: „Dafür stehts den ganzen Tag vorm Zapfhahn!“ – Frau: „Na und was hat die Kellnerin davon?“ – Mann: „Na ich hab nur gmeint, das ist doch super!“ Die Kellnerin zieht die zwei Bier vor und bekommt Trinkgeld. Und muss sich auch noch bedanken. Ich glaube, ich weiß, warum die alle hier so genervt dreinschauen…

Gute Nacht, Eggenburg, bis morgen!

 

#77 Adlerwarte Kreuzenstein Teil 2

Der Falkner-Schnupperkurs hat mich so beeindruckt, dass ich auch den zweiten Teil besuche. Dieses Mal bin ich alleine und öffentlich unterwegs. Die ÖBB-Website spuckt mir horrende Zeiten aus, etwa eine Zug-Bus-Verbindung, die zweieinhalb Stunden dauert und bei der ich eineinhalb Stunden vor Beginn auf der Burg wäre. Ja, nein, eher nicht. Der Bus fährt ungefähr fünfmal am Tag und so verzichte ich auf ihn und gehe lieber eine Stunde zu Fuß von Korneuburg nach Kreuzenstein. Idyllisch. Der Weg führt durch Industriegebiet und über die Autobahn. Ein LKW-Fahrer blockiert meinen Weg (er fährt einfach mit dem ganzen LKW in die Kreuzung) und fragt mich, ob es hier zu MONDI geht. Ich habe keine Ahnung. Er schaut auf seinen Zettel, schüttelt den Kopf und fährt weiter.

Nach der Autobahnüberführung wird der Asphalt weniger, dafür gibt es Felder, Bäume, und Leobersdorf. Verlaufen kann man sich auf der Strecke von Korneuburg zur Burg nicht wirklich, nahe beim Bahnhof beginnt die „Kreuzensteinstraße“. Und die führt tatsächlich die ganze Strecke bis zur Burg. Um 13 Uhr geht es los und wir sind nur zu dritt, Karin, Sabrina (oder war es Sabine?) und ich. Marek – ich kenne ihn schon vom ersten Workshop – gibt uns eine kurze Einführung und nach einer kleinen Wiederholung lernen wir den Falknerknoten. Einhändig und mit rechts natürlich, denn auf der linken Hand sitzt ja der imaginäre Vogel. Danach stellen wir uns draußen in guten Abständen voneinander entfernt auf und üben das Drehen des Federspiels – einem wie zwei stilisierte Schwingen geformten und gepolstertem Lederstück, das man für das Training von Falken verwendet. Das Federspiel hat kleine Taschen, in das man die Schwingen echter Vögel stecken kann, um die Falken auf bestimmte Jagdbeute einzustimmen. Danach wird es spannend. Chuck, ein Falke, wird gebracht und wir üben mit ihm das Einziehen mit dem Federspiel: Das heißt, wir drehen das Federspiel, der Falke wird einige Meter entfernt von der Hand geschickt, wir schicken das Federspiel leicht schräg nach vorne vor uns auf den Boden und der Falke stürzt sich auf das darauf befestigte halbe Kücken. Die Federspielschnur wird mit dem Fuß am Boden befestigt, und während Chuck noch mit dem Federspiel beschäftigt ist, muss man aus der Tasche eine neue Belohnung herausfuzeln, ohne dass er das mitbekommt. Sobald er mit dem Federspiel fertig ist, bietet man ihm am Falknerhandschuh die neue Belohnung an. Chuck kommt auf den Handschuh, und während er frisst, sichert man das Geschüh (die Schnüre am Fuß) zwischen Mittel- und Ringfinger. Fertig. Total einfach – jede darf zweimal. Nach Chuck kommt Hermine, der Adlerbussard, den ich schon vom letzten Mal kenne. Habe ich schon gesagt, dass Karin am linken Arm tätowiert ist? Von oben bis unten – mit Motiven aus „Alice im Wunderland“ von Tim Burton. Hermine zwickt Karin ziemlich heftig in den Arm – nachdem sie mit der Belohnung vom Handschuh fertig war, sah sie sich auf einmal vom Auge des weißen Kaninchens angesprochen und ist mit dem Schnabel darauf losgegangen. Mein Mitmensch meint später dazu: Ein ziemliches Kompliment für einen Tätowierer, wenn seine Arbeit sogar von einem Greifvogel für echt gehalten wird.

Nach einer kurzen Pause (in der wir die Blasen vom Federspieldrehen an unseren Fingern bemerken) arbeiten wir weiter mit Vögeln. Nur etwas anders als vorher. Vicky, eine junge Kollegin von Marek, bringt uns eine Kiste mit toten Kücken und zeigt uns, wie wir den Kücken die Beine ausreißen und dann mit der Schere jedes Bein an den Gelenken in drei Teile (Ober- und Unterschenkel sowie Fuß) zerschneiden. Ja. Hm. Das muss wohl auch sein, wenn man so einen Job macht. Vicky ist übrigens Vegetarierin. Und ich lerne, die Küken haben noch einen Dottersack im Körper – drückt oder zieht man an der falschen Stelle, kann der auf einmal platzen und dann spritzt der Dotter überall dort hin, wo man ihn wirklich nicht haben möchte. Uah. Wir reißen und schnipseln herum – danach packen wir die Ober- und Unterschenkel in die Falknertasche und waschen uns die Hände. Sehr lange.

Mit der Falknertasche, drei Wüstenbussarden (Chilli, Lord und Camillo), Vicky und Theresa fahren wir zu einem Feldweg, um die freie Folge zu üben: Wir beginnen mit Camillo und mir, Karin und Sabine (Sabrina? Sandra?) tragen ihre behaubten Bussarde einstweilen auf der Hand. Bei der freien Folge fliegt der Bussard in einen Baum und man geht ohne ihn weiter. Irgendwann überholt er einen dann und setzt sich auf den nächsten Baum. Dann bleibt man sofort stehen, zeigt ihm die Belohnung am Handschuh (wahlweise Ober- oder Unterschenkel der zerteilten Küken von vorhin), er kommt, frisst die Belohnung, und dann schickt man ihn wieder in den nächsten Baum. Und so weiter. Fehlerfrei geht das erst mal nicht: Camillo kommt zum Beispiel einmal ohne dass ich ihn gerufen hätte. Überrascht biete ich ihm den Handschuh zum Landen, was er auch macht. Und dann frisst er natürlich auch die Belohnung. Was ich eigentlich hätte tun sollen, ist, mich umzudrehen und ihm den Rücken zeigen – eine Belohnung sollte er nur kriegen, wenn er sich an die Regeln hält. Naja. Man lernt. Ein paar Bäume später wird gewechselt, die anderen kommen der Reihe nach dran und ich trage Lord. Mit Lord gibt es dann ebenfalls einen Durchgang, diesmal läuft alles ganz gut (bis auf das, dass ich es irgendwie nicht ganz schaffe, ihn wieder von der Hand weg in den Baum zu schicken – die Bewegung darf nicht ruckartig sein, die Hand soll oben sein, aber höher geht dann fast nicht mehr – ah das ist kompliziert zu erklären und noch komplizierter auszuführen). Lord ist zwischenzeitlich mal abgelenkt – statt der Faust jagt er eine Maus, aber sie entwischt.

Wir bringen die Bussarde zurück zum Transporter – und nachdem wir mit fremder Hilfe die nicht mehr ganz tadellos funktionierende Türe wieder zu bekommen, gibt es noch eine Falknerjause in der Burgtaverne. Feierabend. Vicky erzählt haarsträubende Geschichten aus Afrika, von Spinnenbissen und tierischen Besuchern. Es fängt zu regnen an, wir erhalten eine Urkunde und dann gehe ich mit Theresa nicht eine Stunde nach Korneuburg zum Bahnhof, sondern nur eine halbe zur Bahnstation Leobersdorf Burg Kreuzenstein. Allerdings versäumen wir unseren Zug um ein paar Minuten und warten eine halbe Stunde auf den nächsten.

 

#76 Gartenbaumesse Tulln

Die Gartenbaumesse Tulln wird groß angekündigt. Und da wir (siehe hier) gerade total motiviert am Garteln sind, wollten wir uns die eine oder andere tolle Idee dort holen. Beim Anblick der Preise (13 Euro! Pro Person!) kommt uns zugute, dass Mitmensch ein NÖN-Abo hat, das uns für „nur“ 8 Euro pro Person Zutritt verschafft. Wir fahren am Samstag Vormittag, gleich in der Früh, und hoffen darauf, dass alle anderen lange schlafen. Und wir haben Glück: Es regnet nicht nur, es schüttet. Super, dann wird ja wohl nicht so viel los sein. Um 9 sperren sie auf, um halb 10 sind wir dort – und schon müssen wir 10 Minuten vom Parkplatz bis zum Eingang gehen. Aber drinnen sind trotzdem noch angenehm wenig Menschen. Etwa 20 Meter nach dem Eingang bekomme ich etwa ein Kilo Garten-Zeitschriften in die Hand gedrückt. Mitmensch meint, ich bräuchte die jetzt nicht alle die ganze Zeit mitzutragen, die würden wir später sicher auch noch bekommen. Aber ich denke mir, ach, so schwer ist das ja nicht und packe alles in den Rucksack. Der auf einmal ganz schön nach unten zieht. Wir laufen durch eine Halle mit Pools und Jacuzzis und aufblasbaren Delphinen. In der nächsten Halle gibt es Gartendeko und Kartoffelsalbe. Was macht man mit Kartoffelsalbe?

In der Mitte der Halle, stehen Olivenbäume. Mit Stämmen so dick, dass wir uns zu zweit  Mühe geben müssten, sie zu umfassen. Sie sind knorrig, verwachsen, mit Einkerbungen, einer ist hohl und wächst trotzdem weiter. Wir fragen nach, wie alt sie sind: 1000 Jahre, sie stammen aus der Gardasee-Region. Beeindruckend. Aber ein bisschen zu alt für unseren Garten, wir haben nur junges Gemüse, das würde sich nicht vertragen.

In der nächsten Halle preist ein Niederländer seine Tulpenzwiebeln an, wie im Bilderbuch. Ich liebe diese Akzent! Wie ein Marktschreier wandert er durch die aufgeschütteten Zwiebeln: „Zehn Stück für 10 Euro, 25 Stück für 20 Euro!“ Wieder sehe ich die Kartoffelsalbe. Wieso gibt es da keine Schilder, wozu man die braucht? In einer Regenpause gehen wir ins Außengelände. Wir finden eine wilde Mischung: Es gibt einige wenige Stände, an denen man tatsächlich Pflanzen kaufen kann, es gibt Steinmetze (mit Show-Gräbern), mehrere Mähroboter-Anbieter, Gartendeko und noch mehr Kartoffelsalbe (aber wozu?!). Um einen Marktschreier hat sich eine Traube Menschen geschart, er verteilt Kostproben von neuen Gemüsesorten: „Sie sehen, das lässt sich schneiden wie Butter, probieren Sie!“ Zurück zu den Hallen. In der nächsten gibt es noch mehr Dekozeug, alles nicht besonders attraktiv ausgestellt. Wir sehen eine hübsche Leiter, an die man Pflanzentöpfe binden könnte. Da sehe ich, sie ist nicht genagelt oder geschraubt, sondern geklebt. Und verziehe das Gesicht. Die Verkäuferin taucht plötzlich neben mir auf und fragt nach. Unvorsichtigerweise erwähne ich meinen Einwand und sie sieht aus, als hätte ich gesagt, ihr Kind sei leider dumm. Sie pfaucht, dass die Leiter sehr schön sei und: „Zu dem Preis finden Sie das nirgends.“ Ich versichere ihr, dass ich sie auch schön fände, aber wir würden noch herumgehen und kämen später vielleicht nochmal und eine Leiter mitzutragen wäre doch ein wenig aufwändig. Das ist natürlich geflunkert, aber sie hat lange rote und spitze Fingernägel, und die will ich nicht im Gesicht haben. „Ich sag‘ Ihnen, wir haben nur die paar, die da sind. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Wenn Sie eine wollen, kaufen Sie sie gleich und Sie können sie später abholen.“ Ich nicke und lächle. Sie nickt auch und geht. Wir beide wissen, dass ich keine kaufen werde. Aber das hat sie noch anbringen müssen, um ihr Sortiment zu verteidigen. Pfauch.

Vom Dekozeug wechseln wir zur Blumenshow. Aber hallo. Ich habe noch nie so, hm… wie soll ich sagen… interessante Pfauen gesehen. Also keine echten. Sondern gebastelte. Sie stehen auf Heckenpodesten und schweben über dem Wasser und sind aus glitzerndem Plüsch, mit Leopardenmuster überzogen, in Tüll gehüllt oder kariert. Die Flügel wurden durch Blumenarrangements ersetzt. Manchmal würde ich gerne die Arbeitsaufgaben für solche Dinge lesen: „Wir hätten gerne etwas Mutiges!“ Oder: „Machen Sie Konversationsstücke! Die Leute sollen darüber reden.“ Oder „Es soll schön bunt sein!“ Oder „Packen Sie alle Materialien hinein, die Sie im letzten Jahr nicht verkaufen konnten!“ Ich tippe ja auf eine Mischung… Bevor uns die Augen herausfallen, gehen wir wieder. Sind wir fertig? Ja. Es hat wieder zu regnen begonnen und ich hole noch schnell ein paar Sukkulenten von einem Stand im Freigelände. Also ’schnell‘ ist übertrieben. Leute mit Schirmen sind wahnsinnig unflexibel. Und stehen doppelt so breit im Weg wie normal. Aahhh!

Zu Hause topfe ich die Pflanzen um und dann schnappe ich mir mein schwer herumgetragenes Zeitschriftenkilo. Es sind ORF-Hefte (Nachlese und Sonderausgaben) zum Thema Garten von 2014 (!) bis Juli 2018. Ich blättere durch. Nichts, was ich nicht schon wüsste und unglaublich oberflächlich. Auf dem Heft aus 2014 klebt eine kleine Samentüte mit Sommerblumen. Ich säe sie ohne viel Hoffnung in ein leeres Balkonkisterl und da ich in den Zeitschriften nichts über die Kartoffelsalbe gefunden habe, wandern sie zum Altpapier.

 

#75 Baumscheiben und Töpfe

Die Wiener Gärten haben eine Karte online, die alle Grünflächen und Bäume (jawoll, ALLE einzelnen Bäume) anzeigt: den Baumkataster. Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen, die Baumart wird angezeigt, seit wann er dort steht, wie große seine Krone und wie hoch er in etwa ist. Verrückt. Wenn man sich von der Karte wieder erholt hat, kann man den Wiener Gärten eine Email schreiben und sie fragen, ob eine bestimmte Baumscheibe (d.h. der Platz unter dem Baum) noch „frei“ ist. „Frei“ meint nicht, dass der Baum weg ist, sondern ob das kleine Stückchen Erde, auf dem er steht, schon von jemandem betreut wird. Wenn sie frei ist und die Wiener Gärten zustimmen, dann kann man auf dieser Baumscheibe einen Mini-Garten anlegen und anpflanzen, was man möchte. Also nichts, was den Baum stören würde (ein zweiter Baum würde glaube ich nicht so gut ankommen bei der Magistratsabteilung 22), aber Blumen oder sogar – für die ganz Mutigen – einige Kräuter und Gemüse können dort gut wachsen.

Ich strebe nicht nach einer Baumscheibe, aber ich merke doch, dass ich gerade zu viele englische Gartensendungen anschaue. Bei Betrachtung der näheren Gründlandschaft (d.h. das Topfpflanzenensemble) juckt es wieder unter den Fingern. Ja. Da ist durchaus noch Platz. Ziemlich viel sogar. Und jetzt, nachdem die letzten Tomaten geerntet, die Tomatenpflanzengerippe entfernt wurden und man sich am Balkon wieder umdrehen kann, sieht er fast leer aus. Schrecklich. Das kann man gar nicht mitansehen. Aber für Pflanzen bräuchte man ja auch irgendetwas, wo man sie hineingeben kann. Also mache ich mich auf den Weg zur ARGE, einer Arbeitsgemeinschaft für Nichtsesshaftenhilfe in Wien, die Räumungen, Übersiedelungen und Wohnungsauflösungen durchführt. Dort gibt es zwar keine Pflanzen, aber von Mittwoch bis Samstag Flohmarkt und ich stöbere durch alte Lampen, Gläser, Spiele, Besteck und anderes Zeug, um passende Pflanzgefäße zu finden.

Das weitere Publikum ist wesentlich älter als ich. Ein Mann versucht seine Lunge heraus zu husten, während ich versuche einen Gang Abstand zu ihm zu halten. Mindestens. Ein anderer hat eine kalte Zigarette im weit nach unten gezogenen Mundwinkel und stochert durch die Altkleider. Einer etwa 50-jährigen Dame mit haselnussbrauner Schneckerlfrisur kommt offensichtlich immer wieder der Tandler in die Quere: „Das hab’ ich doch da gerade hergstellt.“ Sie sieht sich suchend um. Und findet ihre Tasse einen Meter weiter im Regal wieder. „Da ist sie.“ Minuten später: „Wo ist das jetzt wieder? Ich hab’s doch da hergestellt. Sie, ich stell‘ jetzt alles auf den Tisch, ja?“ Der Mann, der da sitzt und auf den laufenden Fernseher schaut, nickt. Der hat hier aber offensichtlich nichts zu sagen, denn als sie gerade wieder im Gang verschwindet, kommt erneut der Tandler, sieht den Abstellplatz für seine Kisten vollgeräumt und stellt die Sachen wieder zur Seite.

Ich stackse durch den vollgestellten Raum. Drei flache, kleine Riess-Reindln und eine dreckige, vielleicht weiße Blechgießkanne, das passt schon mal ganz gut. Dann finde ich noch eine Vase in der Größe und Form eines Astronautenhelmes, die wahrscheinlich grauer aussieht als sie eigentlich ist. Herr Ober, zahlen bitte! Ich zeige meine Fundstücke – sechs insgesamt und nehme mir vor, mich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Der Tandler schaut und sagt: „5 Euro“. Ich schlucke jegliche Widerrede hinunter und gebe ihm 5 Euro. Dafür würde ich in einem normalen Blumenladen wahrscheinlich einen tassengroßen Topf in der Trendfarbe der vorletzten Saison bekommen.

Zu Hause wird geputzt. Die Pflanzen sollen sich ja nichts holen. Der Astronautenhelm wird wieder glasklar, die letzten Essenreste aus den Reindln ertrinken im Spülwasser und die Gießkanne wird fast wieder weiß. Die Reindln brauchen noch Löcher, damit das Wasser abfließen kann und die Gießkanne wird zum Übertopf, ein alter Plastiktopf passt wie angegossen. Fehlen noch die Pflanzen. Ein Efeu, der seinem Topf langsam entwächst, wird in die Gießkanne umziehen. Und für die Reindln? Ich schwankte zwischen Saatgut oder ausgewachsenen Pflanzen und entscheide mich für einen Kompromiss: Im Blumengeschäft um die Ecke gibt es immer wieder kleine Ableger für einen Pappenstiel, und da sie gerade ein paar kleine Farne haben, nehme ich vier mit. Man kann nie genug Farne haben. Und die werden ja größer. Irgendwann. Hoffentlich.

Fazit: Pflanzen und Gefäße müssen nicht teuer sind. Es ist zwar etwas zeitaufwändiger als nur ins Geschäft zu gehen (und – man erinnere sich an den hustenden Mann im Nebengang – manchmal sogar gesundheitsgefährdend!), dafür ist es wesentlich interessanter – man weiß nie, was man findet. Und wenn es ein Astronautenhelm ist.

 

Heute eine Aufwärmskizze (d.h. Stift raus, Augen möglichst nicht aufs Blatt und zeichnen was man sieht) aus den Lagern der ARGE:

#74 Das KHM

Seit 2010 gibt es die Jahreskarte für die unterschiedlichen Sammlungen und Ausstellungsorte des Kunsthistorischen Museums. Damals hat sie noch 29 € gekostet – mittlerweile ist der Preis auf gesalzene 44 € gestiegen. Ich unterstütze die Museen gerne und ja klar, man kann sagen, für sieben Museen ist das noch günstig. Aber ein bisschen schockiert hat mich der Preis dann doch. Und wer kommt schon nach Schloss Ambras in Tirol? Ich nehme es mir zwar bei jeder Jahreskarte vor (und das ist mittlerweile meine 3.), aber ich bin sehr skeptisch, ob es dieses Jahr etwas wird.

Die Jahreskarte ist mir übrigens nicht aufgrund einer besonderen Ausstellung eingefallen. Das hatte eher mit den aktuellen Außentemperaturen zu tun. Die Kunstkammer im Kunsthistorischen ist angenehm gekühlt (siehe auch #65), und ich wollte sowieso ein wenig außer Haus zeichnen, das traf sich ganz gut. Der Mensch an der Kassa fragt mich, wie alt ich sei, denn bis unter 25 zahle man weniger. Ich meine, nein, mit über 30 würde ich diese Hürde wohl nicht mehr schaffen. Er gratuliert mir. Spannend. Und ich dachte schon, die Tage, an denen man an der Kassa nach dem Ausweis gefragt wird, weil man ja Alkohol kaufe, seien vorbei. Sie werden zwar seltener, aber sie kommen offensichtlich in neuen Formen wieder. Da habe ich nichts dagegen. Ich sollte mir öfter eine Jahreskarte kaufen. Jetzt aber hinein.

Vor mir schieben sich zwei etwas beleibtere junge Männer durch die Drehtüre zur Kunstkammer. Die Drehtüre dient dazu, das Klima innen möglichst stabil zu halten und ist offensichtlich gleichzeitig ein Intelligenztest, um die Besucher in „geeignet“ und „ungeeignet“ zu trennen. In welche Richtung dreht sie wohl? Eine junge Familie nach mir scheitert beinahe an dieser Frage, kommt dann aber doch noch hinter das Rätsel. Kaum ist man drinnen, schon fühlt man sich erfrischt. Ich schlendere durch die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schätze und suche mir ein geeignetes Zeichenobjekt. Vier Skizzen mache ich insgesamt und stolpere dabei immer wieder den beiden etwas beleibteren jungen Männern über den Weg, die alle Objekte eingehend studieren. Langsam wird es mir peinlich, mich neben sie hinzustellen und den Stift rauszukramen oder zu merken, dass sie sich neben mich stellen. Dann reicht mir das Mittelalter für heute ohnehin. Gerade als ich auf dem Weg nach draußen bin, kommt eine amerikanische Familie herein. Der Vater sagt: „Wow, look at that shit!“ Und ich frage mich schon, wie der wohl das Rätsel mit der Drehtüre gelöst hat. Ich drehe mich um, um zu inspizieren, was er meint. Da steht ein zierliches und detailreich gearbeitetes Schiff aus Silber. Ob er „ship“ gesagt hat? Neeeeeein, sicher nicht. Ich verhöre mich doch nicht.

Links und rechts neben den riesigen Statuen der Theseusgruppe und ihren Fotografen stehen zwei imposante Liliensträuße und schicken ihren schweren Duft treppauf und treppab. Es wird einem beinahe schwindelig, aber wegen ihnen werde ich auf ein Schild aufmerksam: „Stairway to Klimt“. Aha. Keine Ahnung, was das heißen soll, aber gehen wir dem mal nach.

Die Stairway entpuppt sich als 10 Meter über dem Stiegenhaus gespanntes Gerüst, das es den BesucherInnen ermöglicht, einen Teil des Bilderzyklus von Klimt, der sich unter der Decke und zwischen den Säulen befindet, genau ins Auge zu nehmen. Ich liebe es unter der Decke großer Gebäude herumzulaufen und finde solche Konstruktionen toll. Und ich bin nicht die Einzige, neben mir steht gut ein Dutzend Menschen, alle mit Fotoapparaten bewaffnet. Ich natürlich auch. Alle sind sehr höflich und jeder warten, bis jemand sein Foto geschossen hat, bevor er die Seiten wechselt und vom Gemälde „Antike“ zu „Ägypten“ geht. Auch wenn es, wie bei einem chinesischen Touristen, ein wenig länger dauert, bis die wohl riesige Kamera richtig eingestellt ist.

Danach laufe ich noch ein wenig durch das Gebäude und verlasse dann das KHM. Ich kann ja jetzt jederzeit wieder kommen. Gleichzeitig mit mir passieren auch zwei etwas beleibtere junge Männer den Ausgang. Wir sehen uns an und schauen dann schnell wieder weg. Ich glaube, sie glauben, ich verfolge sie. Und ich glaube, sie glauben, dass ich glaube, dass sie mich verfolgen. Und dann gehen wir sehr rasch durch die Sonne in getrennte Richtungen Richtung Schatten.

 

#73 Der Stephansdom

Nach einem Treffen im ersten Bezirk sehe ich aus den Augenwinkeln die gespiegelte Glasfassade des Haas-Hauses. Da kann der Stephansdom nicht weit sein, denke ich mir. Egal wie lange ich schon in Wien wohne, im ersten Bezirk funktioniert mein Straßengedächtnis nicht: Alle Gassen scheinen mich im Kreis zu führen und wenn ich denke, ich weiß, wo ich in etwa wieder zum Ring kommt, macht die Straße eine 90° Kurve und lacht mich laut aus – aber vom Haas-Haus aus den Stephansdom zu finden, das kriege ich auch noch hin. Zum Dom will ich, um ein paar Referenz-Fotos zu machen: Sie sind für einen neuen Comic, der in Wien spielt, und ich habe schon eine ziemlich gute Vorstellung, wie ich den Dom unterbringen möchte. Ich umrunde also (am frühen Nachmittag und bei knalligen 32°) den Dom und suche eine geeignete Ecke, um eine gute Froschperspektivenaufnahme machen zu können. Was anderes als Froschperspektive geht jetzt auch nicht wirklich, da man selbst keine zwei Meter, der Dom aber 136,4 Meter hoch ist – aber ich bin motiviert und kniee mich auch wirklich hin. Leider überfordert der Wunsch nach einem Weitwinkelobjektiv meine kleine Kompaktkamera, das werde ich mir später am Blatt noch zusammenbasteln müssen. Ich bin natürlich nicht die einzige, die dort fotografiert und mit einem Seitenblick auf Dutzende Menschen mit Schirmkappen, Sandalen und riesigen Kameraobjektiven muss ich mir eingestehen, dass ich mir schon lange nicht mehr so touristisch vorgekommen bin. Es hätte gerade noch gefehlt, dass mich einer der Karten verkaufenden Mozarte angesprochen hätte, aber da reicht immer ein Blick, um ihnen zu verstehen zu geben: „Sicher nicht.“

Aber, Touristen hin oder her, wenn ich schon mal hier bin, denke ich, dann schaue ich doch auch gleich noch in den Dom – vielleicht ergibt sich ja noch das eine oder andere Motiv. Schon beim Betreten des Doms bereue ich die Entscheidung, ich werde mit einer Masse an Menschen mitgeschoben. Es ist eindeutig zu warm für Körperkontakt, vor allem wenn zu viel Schweiß, zu viel Parfum und zu viel Deo dabei involviert sind. Innen verteilt sich die Masse glücklicherweise ein wenig und ich wandere in das vom restlichen Stephansdom abgesperrte linke Seitenschiff, das offensichtlich für den profanen Besucherverkehr vorgesehen ist. Ein Gitter trennt vom Mittelschiff und dem rechten Seitenschiff, das im Moment offensichtlich nur von zahlenden Gruppen besucht wird.

Ich stelle mich an das Gitter und beobachte die Leute. Die meisten wirken etwas gehetzt, gelangweilt oder müde, immerhin ist es früher Nachmittag und viele von ihnen sind wahrscheinlich schon den ganzen Vormittag durch die Stadt gelaufen. Ich fühle mich ob der ständig sich vorbeischiebenden Menschen auch gehetzt, gleichzeitig finde ich die Anonymität beruhigend: Hier fällt man mit der Kamera in der Hand nicht auf, ich fotografiere Menschen und Details des Doms und komme mir vor, wie die Museumsbesucher, die mit Blick auf ihr Smartphone durch die Hallen laufen und sich die Gemälde, die sie fotografieren, nur via Bildschirm ansehen. Gruselig. Ich entschuldige mich stumm beim Dom und hänge mich an eine Gruppe an, die dem Ausgang entgegensteuert. Das teilt schon mal den Gegenverkehr und erleichtert das Vorankommen. Außen würde ich wohl tief durchatmen, wenn es nicht so heiß wäre. So aber suche ich die Schattenseiten der Gassen auf und gehe der Nase nach Richtung Ring. Ich komme nicht dort raus, wo ich geglaubt hätte, aber nah genug, um eine passende Straßenbahn zu finden, die mich wieder in absolut untouristischen Straßen des 16. bringt.

 

#72 Am See

Wir sind am Balaton und dürfen dort bei Freunden übernachten. Das ist jetzt zwar nicht in Österreich, aber ehemaliges K&K-Gebiet, da will ich mal nicht kleinlich sein. Der Plattensee, so der deutsche Name, sagt schon alles: Der Plattensee ist platt. Wie die meisten Seen. Außer es geht Wind, dann kommen die Wellen. Das Haus liegt am Nordufer und wenn sich am Nachmittag die Gewitter zusammenbrauen und es auf der Südseite zu regnen beginnt, sagt unser Freund: „Über dem Nordufer lacht die Sonne, über das Südufer die ganze Welt.“ Manchmal bleiben die Gewitter und Wolken aber nicht am Südufer sondern ufern aus und dann sagt die Lautsprecherstimme im Strandbad auf Ungarisch, dass jetzt schon Gewitterwarnstufe 2 bestehe und jeder nur mehr auf eigene Verantwortung hin ins Wasser gehen dürfe. Was ich nicht ganz verstehe, denn wer übernimmt denn vorher die Verantwortung dafür, dass ich ins Wasser gehe? Aber gut. Wer keine Freunde hat, die das Ungarische beherrschen, der weiß leider nichts von der Warnstufe und geht einfach so ins Wasser. Manchmal sagt die Stimme auch „Achtung! Achtung!“ (also auf Ungarisch), „Es herrscht Gewitterwarnstufe 3.“ Gewitterwarnstufe 3 wird dann nach einer kleinen Künstlerpause tatsächlich auch auf Deutsch ausgerufen. Bzw. in einem Idiom, das sich so ähnlich anhört wie Deutsch. Man kann zumindest erahnen, worum es geht. Bei Warnstufe 2 kann man noch schauen, was wettermäßig weiter passiert, manchmal nämlich rein gar nichts und die Wolken verziehen sich (ans Südufer). Stufe 3 ist dann schon nicht mehr zu übersehen, schwarze, tiefhängende Wolken und auffrischender Wind lassen einen dann doch recht flott zusammenpacken. Und was man alles zusammenpacken muss! Da die Freunde öfter am See sind, sind sie bis ins Kleinste ausgerüstet. Glücklicherweise nehmen sie nicht immer alles mit, aber von Campingstühlen bis einem kleinen Sonnenzelt gibt es alles. Sie haben sogar einen kleinen Griller, der etwa so groß ist wie ein aufgeblasener Wasserball. Ich muss sagen, meistens bin ich auch nicht ganz leicht unterwegs, da ich eine ganze Batterie Stifte mit mir herumtrage und mindestens ein Skizzenbuch. Nicht, dass ich mehr als ein paar Seiten schaffe, aber man möchte ja die Wahl haben, ein anderes Format hernehmen zu können. Also ist der Rucksack voll mit Zeichensachen und der Korb muss für alles andere herhalten (Buch, Handtuch, Bikini zum Wechseln, Wasser, Essen).

Apropos Essen. Wieso ist das Essen in jedem mir bekannten Schwimm- und Strandbad eigentlich das schwerste und fettigste, das man sich nur vorstellen kann? Es ist heiß, man läuft im Badeanzug herum, und ich stelle mir dann immer Tomaten mit Mozzarella oder Wassermelone oder Couscous-Salat oder Obstsalat oder Wraps vor. Leicht und erfrischend halt. Aber was gibt es? Pommes, gebackenen Karfiol (am Balaton gesehen und ausprobiert, schmeckt ganz gut, nur ziemlich heiß), Ente mit Rotkraut und Semmelknödel (ich kenne drei Bäder, wo das auf der Karte steht!), Cordon Bleu, Schnitzel, gebackenen Fisch… Ich glaube einfach nicht, dass die Leute bei 34 Grad unbedingt Pommes und Ente haben wollen. Aber es gibt nichts anderes.

Halt. Doch, es gibt etwas anderes. Zumindest am Balaton. Man kann sich auch Palatschinken bestellen. Kein Scherz! Für 150 Forint, also ca. 50 Cent, gibt es eine Marmeladen-Palatschinke. Nutella-Palatschinken kosten 200 Forint. Mangels gesunder Alternativen bestand eines unserer Mittagessen zu viert aus neun Marmeladen- und sechs Nutellapalatschinken. Man gönnt sich ja sonst nix.

#71 Kriecherl

Sommer ist Einkochzeit. Es fängt mit den Erdbeeren an (die heuer einfach nur gegessen, nicht verarbeitet wurden), geht über zu den Kirschen, es folgen die Ribiseln und dann die Stachelbeeren, derer Ernte wir nie Herr werden und so den größten Teil Vögeln und Ameisen überlassen (und dabei sind das nur zwei Sträucher!). Dieses Jahr habe ich mir eine Flotte Lotte ausgeborgt und zum ersten Mal Stachelbeerennektar gemacht, schmeckt ganz ok. Nächstes Jahr vielleicht mehr. Die geborgte Flotte Lotte kommt übrigens aus bella Italia und trägt auf der Verpackung den Namen „Emanuel 2“. Ob wohl alle Küchenhelfer in Italien männliche Namen haben?

Nach den Marillen wird langsam das Wildobst reif, die Kriecherl (auch Mirabellen genannt) gehören dazu. Sie wachsen oft als Teil von wilden Hecken und vermehren sich freudig selbst. Das ist kein Wunder, denn alle Bäume, die ich kenne, tragen so viele Früchte, dass kein Mensch sie alle verarbeiten kann. Letztens war ich mit zwei Freundinnen auf dem Grundstück der Mutter von einer anderen Freundin, um dort die Kriecherllast zu reduzieren. Auch dort haben sich die Kriecherl offensichtlich freudig selbst vermehrt, die halbe Hecke besteht aus ihnen und – laut der einen anderen Freundin, deren Mutter der Garten gehört – verwendet sie niemand. Die Äste waren brechend voll und die gelben zwar noch nicht reif, dafür aber die roten. Mit einem Rechen etwas an den Ästen gerüttelt, und schon hagelt es die etwa kirschgroßen Früchte. Dann fängt es ein wenig zu regnen an – nicht Früchte, sondern Englandwetterregen. Aber wir sind ja nicht aus Zucker. Wir holen die Leiter und pflücken per Hand weiter, um nicht die Hälfte aufgrund von Flugschäden aussortieren zu müssen. Es sind sicher 10 bis 12 Kilo, die wir sammeln – man sieht es dem Baum aber nicht an, die Äste sind immer noch ziemlich voll. Nochmal Dank an die Gartenbesitzerin!

Zu Hause entkerne ich einen Teil der Beute: Gerne spritzt der süßsaure Saft dabei beim Aufschneiden der Früchte in alle Richtungen. Alles pickt. Früchte abwiegen, Gelierzucker abwiegen, vermischen, einen Schuss Rum dazu (geht immer) und für eine Stunde ziehen lassen. In der Zwischenzeit Gläser sterilisieren – ich nehme dazu Alkohol aus der Apotheke. Auskochen ist mir zu aufwändig und nachher hat man Kalk an den Gläsern, da geht das Auswischen mit Alkohol wesentlich einfacher. Die Dame aus der Apotheke, bei der ich den Alkohol letztens gekauft habe, hat mir gesagt, sie sterilisiert ihre Gläser immer bei 100 bis 150 Grad im Backofen – auch eine gute Möglichkeit. Wie wir aufs Einkochen gekommen sind? Die fragen einen dort immer, wozu man den hochprozentigen Alkohol braucht…

Also: Langsam erhitzen, dann fünf Minuten kochen lassen, Gelierprobe auf einem Teller, der im Tiefkühlfach war, Marmelade wird fest – super, fertig! In die Gläser füllen, versuchen, dabei nicht so viel zu patzen weil durch den Zucker ist jetzt alles noch viel pickiger, Glasrand sauber machen, Deckel druff (Achtung, heiß! sehr heiß!), umdrehen, fertig.

Apropos Wildobst: Der Hollunder wird reif. Mir gehen die Gläser aus.

 

PS.: Manchen mag die Kriecherlmarmelade mit dem Gelierzucker 3:1 zu sauer sein – aber ich finde, so schmeckt sie fast wie das Knister-Zeug, das man sich als Kind auf die Zunge geleert hat…